Für die Pharmakonzerne wäre das ein grundlegender Einschnitt. Bislang konnten sie in Europa niedrigere Preise akzeptieren, weil sie auf dem deutlich profitableren US-Markt wesentlich höhere Erlöse erzielten. Würden europäische Preise künftig als Maßstab für die USA dienen, könnten die Unternehmen dort Milliarden verlieren.

Bayer-Chef Bill Anderson warnte Anfang Juni im Interview mit t-online vor einem „gefährlichen Dominoeffekt“. Er erläuterte anhand eines Beispiels: Kostet ein Medikament in den USA 100 Dollar, in Deutschland aber nur 30 Dollar, oder in Frankreich nur 20 Dollar, könnten die Vereinigten Staaten künftig verlangen, ebenfalls nur noch 20 Dollar zu zahlen. „Das Problem ist aber: Neue Therapien könnten dann gar nicht mehr in Europa eingeführt werden, weil sie sonst indirekt die Preise in den USA senken“, so Anderson.

Veränderte Spielregeln für Europa

Genau deshalb wächst der Druck auf europäische Regierungen. Auch Astrazeneca-Manager Niko Andre sieht darin einen Wendepunkt. Der Most-Favored-Nation-Ansatz der USA und die wachsende Konkurrenz aus China „verändern die Spielregeln für den Innovationsstandort Europa“, sagte er im Interview mit t-online. „Und beides setzt klinische Forschung und Investitionen in Europa unter Druck.“ Aus Sicht der Branche sollen innovative Medikamente in Europa künftig höhere Preise erzielen.

Deutschland ist dabei nicht zufällig in den Fokus gerückt. Das Land gilt als einer der wichtigsten Pharmamärkte Europas und zugleich als bedeutender Forschungs- und Produktionsstandort. Entscheidungen in Berlin haben deshalb Signalwirkung für andere europäische Staaten.

Hinzu kommt, dass die Bundesregierung selbst zwei Ziele verfolgt, die sich nur schwer miteinander vereinbaren lassen. Einerseits sollen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzt werden. Andererseits will Bundeskanzler Friedrich Merz die industrielle Gesundheitswirtschaft gezielt stärken.

Bei einem Besuch des Pharmakonzerns Salutas Pharma, das zum Hersteller Sandoz gehört, bezeichnete er am vergangenen Freitag den Gesundheitssektor als einen der wichtigsten Wachstumsmärkte Deutschlands und betonte die strategische Bedeutung einer starken Arzneimittelproduktion in Europa.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) besucht das Pharmaunternehmen Salutas Pharma Ende Juni. (Quelle: Matthias Schrader/Pool AP/AP Photo)

Großbritannien dient als Vorbild

Dass die Pharmaindustrie mit ihrer Strategie indes Erfolg haben kann, zeigt nach Ansicht vieler Beobachter Großbritannien – worauf die US-Administration auch anspielte. Im Vereinigten Königreich sagte die Regierung im Rahmen eines umfassenderen Abkommens höhere Arzneimittelausgaben zu. Kritiker sehen darin einen Präzedenzfall.

Diarmaid MacDonald von der Patientenorganisation Just Treatment beurteilte das so: „Die Industrie ist hocherfreut darüber, wie die britische Regierung unter ihrem Druck eingeknickt ist.“ Die britische Regierung verweist dagegen darauf, dass das Abkommen den zollfreien Zugang zum US-Markt sichere und innovationsfreundlichere Bedingungen schaffe.

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