„End-of-Summer Sadness“
Warum viele Menschen nach dem Sommer betrübt sind
Aktualisiert am 20.07.2026 – 16:30 UhrLesedauer: 3 Min.
Wenn der Sommer geht, steigt bei vielen ein Gefühl von Wehmut auf. Ein Psychologe erklärt, warum das normal und eigentlich auch schön ist und wie wir das Beste daraus machen können.
Der Himmel wird trüb, die Ferien ziehen vorüber und die Sonne geht dann wieder vor acht Uhr abends unter. Kein Wunder, dass auch die Laune bei vielen Menschen im Spätsommer sinkt. „End-of-Summer Sadness“ heißt das oft bei Instagram und Tiktok, wo viele noch mal ein paar Sommer-Higlights posten oder gedankenvoll aufs Meer blicken.
Mit schönen Erinnerungen vermischt sich vielleicht auch der Gedanke, den Sommer nicht „richtig“ ausgenutzt zu haben: dass man nicht öfter zum See gegangen oder nicht weggefahren ist.
Es ist „eine Mischung aus Dankbarkeit und Verlustgefühl – der Sommer hat leise die Koffer gepackt“, und es ist ganz normal, sagt Dirk Stemper, Psychologe und Psychotherapeut in Berlin: Es „signalisiert einen Rhythmuswechsel – keine Störung, sondern einen Übergang“. Er erklärt, warum das so ist und hat Tipps, wie wir diesen Übergang gut gestalten.
Woher kommt das diffuse Wehmutsgefühl?
Die Stimmungsveränderung lässt sich neurobiologisch erklären: Weniger Tageslicht verschiebt die innere Uhr in unserem Körper. Dies beeinflusst auch die Serotonin- und Dopamin-Systeme – Stimmung, Antrieb und Schlaf geraten leichter aus dem Takt. Aktuelle wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass menschliche Rhythmen weiterhin auf Jahreszeiten reagieren, trotz Kunstlicht und Büroalltag.
Psychologisch bedeutet das: Das Sommerende markiert einen Rahmen- und Rhythmuswechsel. Freiheit, Außenkontakte, Lichtfülle – all das geht zurück. Die Psyche bewertet den Übergang mit Wehmut.
Seasonal Affective Disorder (SAD)
Ist dieses Wehmuts- und Trauergefühl sehr stark ausgeprägt, sprechen Fachleute auch von der Seasonal Affective Disorder (SAD) – Deutsch: saisonale affektive Störung. Damit ist eine Form der Depression gemeint, die typischerweise in den dunkleren Herbst- und Wintermonaten auftritt, wenn weniger Tageslicht vorhanden ist. Betroffene erleben etwa Antriebslosigkeit, gedrückte Stimmung, erhöhtes Schlafbedürfnis und Heißhunger auf Kohlenhydrate. Ursache ist vermutlich eine veränderte Ausschüttung von Botenstoffen wie Melatonin und Serotonin, die durch den Lichtmangel beeinflusst wird.
Sollte man das Gefühl wegdrücken oder positiv kanalisieren?
Wegdrücken verstärkt den sogenannten Rebound-Stress. Damit ist ein verstärkter innerer Druck oder Unruhezustand gemeint, der entsteht, wenn man belastende Gefühle unterdrückt, statt sie bewusst zu verarbeiten.
Sinnvoller ist es, die Wehmut zuzulassen. Sie gehört zum Jahreszeitenwechsel in unseren Breiten. Darum gibt es auch so viele Volkslieder und Gedichte, die den Abschied vom Sommer, mit seinem Licht und seiner Wärme, und die Wehmut vor dem lichtlosen, kalten Winter, mit kurzen Tagen und beengtem Leben beschreiben.
Sinnvoller als Wegdrücken ist: die Wehmut zulassen, rahmen, steuern – also Gefühle benennen, Bedeutung geben und den Alltag gezielt strukturieren. Diese Haltung erhöht die Bewältigungskompetenz und senkt sekundären Stress.

