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Politik

Der tödliche Griff der Vergangenheit

wochentlich.deBy wochentlich.de28 August 2026Keine Kommentare3 Mins Read
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Was ist schiefgelaufen? Deutschlands Art der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bestand darin, sich ausschließlich auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu konzentrieren – und dabei fast nur auf die gezielte Verfolgung zunächst der deutschen und später der europäischen jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten. Angesichts der Erfahrungen der Familie meines Vaters in Berlin und der Tatsache, dass fast die gesamte Familie meiner Mutter im Vernichtungslager Sobibor ausgelöscht wurde, kann ich diese Entscheidung durchaus nachvollziehen.

Doch diese Fokussierung hatte für das heutige Deutschland tiefgreifende negative Folgen. Sie hat verhindert, dass Deutschland allgemeinere Lehren daraus zieht, wie antidemokratische Bewegungen ethnische und religiöse Minderheiten ins Visier nehmen. Zudem hat sie es Faschisten ermöglicht, diese Jahre als krassen Ausreißer in der deutschen Geschichte darzustellen – als „Vogelschiss“ in der deutschen Vergangenheit.

„Nie wieder“ gilt für alle

Tatsächlich liegen die Wurzeln des Nationalsozialismus tief in der deutschen Geschichte. Ein Großteil, der seit den frühen 1950er-Jahren erschienenen Literatur zum Faschismus verortet die Ursprünge des Nationalsozialismus in jener Art von Rassismus, die dem europäischen Kolonialismus in Afrika zugrunde lag – insbesondere seit der Berliner Konferenz von 1884 (der sogenannten Kongokonferenz), auf der die europäischen Mächte beschlossen, Afrika unter sich aufzuteilen und dessen Reichtümer zu plündern.

Wie ich bei den Recherchen für mein 2026 in Deutschland erschienenes Buch „Gefälschte Geschichte: Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Geschichte zu kontrollieren“ feststellte, waren die Nationalsozialisten – auch in den Lehrplänen der Schulen – geradezu besessen von dem Verlust ihrer afrikanischen Kolonien, ihres „Platzes an der Sonne“, nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist also notwendig, die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zeitlich weiter zurückzuverlegen: nicht nur, um den früheren Opfern des europäischen Faschismus in Afrika Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch, um die tieferen Wurzeln des deutschen Rassismus offenzulegen.

Die Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner Vergangenheit stellt ironischerweise (und erwartungsgemäß) zugleich einen Angriff auf die deutsch-jüdische Vergangenheit dar. Bedeutende deutsch-jüdische Denker, wie Moses Mendelssohn im 18. Jahrhundert, plädierten für einen säkularen Staat, der nicht an eine bestimmte religiöse Identität gebunden ist, und verteidigten die Ideale der Aufklärung, insbesondere die Glaubensfreiheit. Dieser prägenden deutsch-jüdischen Tradition zufolge sollte Deutschland ein säkularer Staat sein, der Raum für verschiedene nicht christliche Religionen (etwa den Islam) bietet sowie Kritik- und Glaubensfreiheit gewährt.

Neuere deutsch-jüdische Denker wie Leo Baeck im 20. Jahrhundert betonten den Universalismus und verstanden das Judentum als eine Religion, für die jüdische Erfahrung und Geschichte als Beispiele für universelle moralische Werte dienten. Demnach besitzt das Schicksal der Juden eine universelle Bedeutung: „Nie wieder“ gilt für alle.

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