Kontroverse Schlussfolgerungen
Forscher entdecken unerwarteten Alzheimer-Risikofaktor
17.06.2026 – 06:56 UhrLesedauer: 3 Min.

Bluthochdruck gilt seit Jahren als Risikofaktor für Demenz. Nun deutet eine große Studie darauf hin, dass auch das Gegenteil problematisch sein könnte. Doch nicht alle Forscher sind überzeugt.
Das Gehirn benötigt einen kontinuierlichen Blutfluss, um ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe zu erhalten. Ist das nicht der Fall, kann das Gehirn Schaden nehmen. Ein großer Faktor, der den kontinuierlichen Blutfluss zum Gehirn behindern kann, sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So ist etwa bekannt, dass Bluthochdruck die kleinsten Blutgefäße und Nervenzellen im Gehirn schädigen kann.
Forscher aus den USA haben nun untersucht, wie zehn verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Alzheimer, der häufigsten Form von Demenz, zusammenhängen. Dabei überraschte vor allem der Effekt von niedrigem Blutdruck. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie kürzlich im „Journal of the American Heart Association“.
Was ist der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?
Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die das Gehirn betreffen und zu Denk- und Gedächtnisstörungen führen. Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz. Etwa 65 Prozent aller Menschen mit Demenz haben Alzheimer.
Niedriger Blutdruck zeigte die stärkste Verbindung
Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler Daten von fast 800.000 Erwachsenen aus zwei großen Gesundheitsdatenbanken aus: der britischen UK Biobank und dem US-amerikanischen Forschungsprogramm „All of Us“. Dabei analysierten sie den Zusammenhang zwischen Alzheimer und zehn verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck (Hypertonie), niedriger Blutdruck (Hypotonie), Angina pectoris, Herzinfarkt, Herzrhythmusstörung, Lungenembolie, Herzinsuffizienz, chronische rheumatische Herzkrankheit, koronare Herzkrankheit und Schlaganfall.
Das überraschendste Ergebnis: Von allen untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen stand niedriger Blutdruck am stärksten mit Alzheimer in Verbindung. In beiden Datenbanken fiel dieser Zusammenhang besonders deutlich aus. Aber auch Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Hirninfarkte zeigten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Alzheimer. Hirninfarkte können den Blutfluss im Gehirn stören. Ein akuter Herzinfarkt hingegen stand nicht eindeutig mit der Erkrankung in Verbindung.
Die Forscher betonen, dass niedrigem Blutdruck bisher deutlich weniger Aufmerksamkeit zuteilwurde als Bluthochdruck. Dabei könnte er eine wichtige Rolle für die Gesundheit des Gehirns und den geistigen Abbau spielen.
Was bedeutet Hypotonie überhaupt?
Von niedrigem Blutdruck sprechen Ärzte meist, wenn die Werte unter 100 zu 60 mmHg liegen. Viele Menschen bemerken davon nichts. Andere leiden unter Schwindel, Herzrasen, Müdigkeit, Konzentrations- oder Kreislaufproblemen. Experten betonen, dass niedriger Blutdruck bei ansonsten gesunden Menschen häufig harmlos ist. Problematisch wird er vor allem dann, wenn Beschwerden auftreten oder eine andere Erkrankung dahintersteckt. Daher raten Fachleute dazu, die Beschwerden immer ärztlich abklären zu lassen.
- Ähnlich wirksam wie Sport: Ätherisches Öl hilft bei Bluthochdruck
- In der Lebensmitte wichtig: Wer so schläft, schädigt Herz und Hirn
Warum könnte niedriger Blutdruck problematisch sein?
Die Forscher verweisen auf frühere Studien, nach denen chronisch niedriger Blutdruck die Durchblutung des Gehirns beeinträchtigen könnte. Dadurch könnten Nervenzellen schlechter mit Sauerstoff versorgt werden.
Allerdings könnte der Zusammenhang auch in die andere Richtung verlaufen. Die Forscher weisen darauf hin, dass Alzheimer bereits früh das sogenannte autonome Nervensystem beeinträchtigen kann. Dieses steuert unter anderem Herzschlag und Blutdruck. Möglicherweise führt die Erkrankung also selbst zu Blutdruckproblemen. Aus der Studie lässt sich daher nicht ableiten, ob niedriger Blutdruck eine Ursache oder eher eine Folge der Erkrankung ist.
