Die Telefonseelsorge ist ein niedrigschwelliges Angebot, das von vielen Menschen genutzt wird. Eine Leiterin der Telefonseelsorge Berlin hat t-online erzählt, über welche Probleme die Berlinerinnen und Berliner am Telefon sprechen.
Im Dienstzimmer der Telefonseelsorge Berlin klingelt ein Telefon. Worüber möchte der Mensch am anderen Ende der Leitung sprechen? Ist er einsam, krank, hat Angst oder weiß einfach nicht mehr weiter? Der Anrufer kann sicher sein: Er findet mit seinem Thema ein offenes Ohr. Denn die Mitarbeiter sind darin geschult, Menschen zuzuhören, die sich verletzlich zeigen. Manchmal sind sie die einzigen Zuhörer, die die Anrufer in ihrem Leben haben.
„Es geht nicht darum, jeden Tag Leben zu retten. Nicht jedes Gespräch ist gleich ein Seelsorgegespräch“, sagt Bettina Schwab zu t-online. Sie ist die fachliche Leiterin der Telefonseelsorge Berlin in der Nansenstraße in Neukölln. Oft gehe es in den Gesprächen um das Leid im Banalen, um Alltagsprobleme, die die Anrufer nicht mehr ertragen können. Häufig geht es einfach nur ums Zuhören – weil es sonst keiner tut.
Mitarbeit von drei Jahren von Ehrenamtlichen erwartet
Die Telefonseelsorge Berlin beschäftigt neun hauptamtliche und rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter. Um sich bei dem eingetragenen Verein engagieren zu können, müssen Interessierte an einem Bewerbungsverfahren teilnehmen und eine eineinhalbjährige Ausbildung absolvieren. Pro Jahr gibt es zwei Ausbildungskurse mit jeweils 14 bis 16 Ehrenamtlichen.
Danach wird von den Freiwilligen erwartet, dass sie mindestens drei Jahre lang etwa zwölf Stunden pro Monat ehrenamtlich im Telefondienst tätig sind. „Viele halten die drei Jahre nicht durch. Das ist nicht leicht zu schaffen“, sagt Bettina Schwab – nicht, weil sie nicht wollen. Berufliche und private Veränderungen führten oft dazu, dass Menschen ihr Ehrenamt aus Zeitgründen aufgeben.
Die Arbeit in der Telefonseelsorge kann nur vom Büro aus erfolgen. In der Telefonseelsorge Berlin sind zwei Dienstzimmer mit je einer Telefonleitung rund um die Uhr besetzt. Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, gibt es bei der Telefonseelsorge bundesweit nicht. Der Dachverband TelefonSeelsorge® Deutschland e.V. hat dazu gewisse Standards definiert. Um die eigene psychische Gesundheit nicht zu gefährden, sei eine räumliche Trennung von Telefonseelsorge und Privatleben wichtig.
Derzeit ist die Telefonseelsorge Berlin nur telefonisch erreichbar. In Zukunft soll es auch möglich sein, mit den Ehrenamtlichen zu chatten oder E-Mails auszutauschen.
Telefonseelsorge Berlin
Die Telefonseelsorge Berlin ist die älteste Telefonseelsorge in Deutschland. Am 5. Oktober 1956, begann die „Lebensmüdenbetreuung“ im Berliner Stadtteil Charlottenburg mit der Bekanntgabe der privaten Rufnummer 32 01 55 durch das Ehepaar Helene und Julius Wissinger, die damit als erste deutsche Telefonseelsorger gelten.
„Jeder Ratschlag ist für den Anrufer ein Schlag“
Das Durchschnittsalter der Ehrenamtlichen liegt bei 56 Jahren, die älteste Mitarbeiterin ist 86 Jahre alt. „Wir haben in Berlin großes Glück. Wir bekommen Bewerbungen aus allen Altersgruppen“, sagt Bettina Schwab. Sie vermutet, dass es an der Stadt selbst liegt, dass sich Menschen engagieren wollen. „In Berlin sind die Menschen mit besonderen Problemen konfrontiert. Sie sehen viel Elend auf der Straße, viele erleben am eigenen Leib, was es heißt, einsam zu sein“, erklärt Schwab. Viele, die sich in Berlin ehrenamtlich engagieren wollen, hätten zudem selbst Krisen erlebt und wüssten, wie wichtig es sei, sich Hilfe zu holen.
Aber nicht jeder ist für die Arbeit als Telefonseelsorger geeignet. In den Auswahlgesprächen wird versucht, die Reflexionsfähigkeit der Bewerber einzuschätzen. „Dem Ehrenamtlichen muss klar sein: Wir sind keine Beratungshotline. Wir sind aktive Zuhörer. Jeder Ratschlag, den wir geben wollen, ist für den Anrufer ein Schlag“, erklärt Schwab. „Ein Ehrenamtlicher sollte empathisch, neugierig, vorurteilsfrei und belastbar sein“, sagt sie.
Menschen in Berlin haben vielfältige Probleme
Denn die Probleme und Themen, die die Anrufer mitbringen, sind vielfältig. Wenn Leute aus Berlin anrufen, sei vor allem die Einsamkeit „ein Klassiker unter den Sorgen“. „Viele Menschen haben nur oberflächliche Kontakte, ihre Familien sind nicht in der Nähe, sie fühlen sich von ihren Mitmenschen abgelehnt“, nennt Bettina Schwab Beispiele aus den Seelsorgegesprächen.
