In Moskau plant eine Medienagentur die russische Propaganda-Offensive gegen Europa. Interne Unterlagen lassen auf geheimdienstliche Methoden schließen.

Eigentlich sieht die Adresse in Moskau unauffällig aus: eine ganz normale Straße in einer ganz normalen Großstadt. Im Erdgeschoss der Häuserzeile reihen sich Cafés und Restaurants aneinander, im Hinterhof schließt sich ein kleines Hotel für Touristen an. Nicht unüblich, dass sich in solcher Lage eine Medienagentur im Obergeschoss oder Hinterhaus einmietet. Ungewöhnlich ist hingegen, dass ihre Mitarbeiter in internen Chats nur unter Pseudonymen auftreten, sich „Immanuel Kant“ oder „Bruce Lee“ nennen, und dass schon ein im Taxi verlorenes Mitarbeiterhandy Unruhe auslöst.

Die Heimlichkeit in der Social Design Agency (SDA) hat einen Grund: Zahlreiche Nachrichtendienste interessieren sich mittlerweile für die Interna des Unternehmens. Aus seinen Büros an der Straße Bolshoy Kislovsky unweit des Roten Platzes wird ein nicht geringer Teil des russischen Informationskriegs gegen Europa und weitere Staaten orchestriert – im Auftrag der Präsidialadministration von Wladimir Putin.

„Kognitive Schläge“ und „Massenproteste“

Die Europäische Union hat deswegen Sanktionen gegen sie verhängt, das US-Justizministerium hat versucht, ihre Operationen zu erschweren, und vor wenigen Tagen folgten weitere Sanktionen in Großbritannien: darunter gegen Personen, die sich hinter den Pseudonymen verbergen. Auch Strafverfolgungsbehörden in Deutschland, Frankreich und anderswo dürften sich mittlerweile für die SDA interessieren.

Grund dafür ist ein brisantes Datenleck, das viel über den russischen Informationskrieg verrät – und über die Agentur. Über ihr Werkzeug, ihre Helfer und ihre Methoden, die zunehmend an Geheimdienste erinnern. t-online konnte die internen Unterlagen auswerten, dem Bundesamt für Verfassungsschutz liegen sie ebenfalls vor.

Sie gewähren einen Blick in den Maschinenraum der Kreml-Propaganda, wo an der „Schnittstelle zwischen den operativen Zuständigkeitsbereichen der Ministerien und Behörden“ gearbeitet wird und mit „kognitiven Schlägen“ in „Nato-Staaten und ihren Satellitenstaaten“ Proteste oppositioneller Kräfte gestärkt werden sollen – bis hin zum Auslösen von Massenprotesten.

Auszug einer Unternehmenspräsentation: Die „Social Design Agency“ wirbt mit ihren angeblich erfolgreichen Kampagnen. (Quelle: Social Design Agency/t-online)

Die Social Design Agency stellt sich in einer Unternehmenspräsentation mit einem Vorwort des Geschäftsführers Ilya Gambashidze als Erfolgsgeschichte dar: In Russland hat die Agentur demnach an über 200 Wahlkampagnen auf allen Ebenen mitgewirkt, hinzu kommen mehr als 60 kommerzielle Projekte – als Beispiel wird Gazprom genannt – und mehr als 50 Aufträge russischer Behörden.

Die „ideologischen Truppen“

Das Aushängeschild der SDA sind die „internationalen Kampagnen“, für die die Agentur berüchtigt ist und mit denen ihr Chef kokettiert. Von ihm gibt es ein internes Video, in dem er mit Sonnenbrille und Anzug wie ein zweiter James Bond auftritt. Auf dem Aufnäher an seinem Ärmel sind ein Schild und ein Schwert sowie der Schriftzug „Russische Ideologische Truppen“ zu sehen.

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