Der Bundeskanzler drückt tief in der Nacht seinen Stolz über „Teamgeist und Einsatz“ der bei der WM gescheiterten Nationalmannschaft aus. Und Fußball-Deutschland reibt sich morgens ungläubig die Augen.
„Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“
So twitterte es nachts um 1:53 Uhr aus dem Bundeskanzleramt. 14 Minuten zuvor war die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der WM in Nordamerika ausgeschieden. Im Sechzehntelfinale. Gegen Paraguay. Der Absender des Tweets war der Account von Friedrich Merz, seines Zeichens Regierungschef Deutschlands. Die Reaktionen im Netz sind mehr als deutlich: Kopfschütteln, Häme, virtuelles Gelächter finden sich unter dem Eintrag.
In der Tat: Der Tweet ist angesichts des Desasters von Boston bemerkenswert. Merz tut der DFB-Elf, ihren Verantwortlichen und Fußball-Deutschland mit dieser geposteten Teilnehmerurkunde keinen Gefallen. Und sich selbst erst recht nicht.
Denn: Weltmeisterschaften sind keine Bundesjugendspiele, die Merz ja so liebt. Ein onkelhaftes „Hast Du gut gemacht“ mag die Scham eines adipösen Dreikäsehochs lindern, der es gerade beim Weitsprung mit Mühe in die Sandgrube geschafft hat. Für die Elitekicker des vierfachen Weltmeisters Deutschland gelten mit Recht andere Maßstäbe. „Dabeisein ist alles“ ist kein Motto für eine WM. Und wer nur Einsatz und Teamgeist der DFB-Elf loben kann, der hat offenbar nicht den Mut zu sagen, was alles höchstens mittelmäßig war.
Deutschlands Fußballfans haben seit gestern Nacht um kurz nach halb zwei sicherlich viele verschiedene Emotionen verspürt: Enttäuschung, Trauer, Wut oder zumindest eine gewisse Leere. „Stolz dürfte nicht darunter gewesen sein.“
Weltmeisterschaften sind keine Bundesjugendspiele
Ohne den Vorgang überhöhen zu wollen: Eine gewisse Entkopplung von der Gefühlswelt der Menschen im Land hat man dem Bundeskanzler ja schon einige Male unterstellt. An dieser Stelle scheint der Vorwurf berechtigt. Merz’ Antenne für die Emotionen der deutschen Fußballfans ist offenbar verbogen.
Oder aber die digitale Nachricht ist Ausdruck eines anderen Phänomens, das man sowohl im Fußball als auch in der Politik regelmäßig beobachten kann: den Hang zur Phrase im Angesicht der Krise. Vom kickenden Personal kennt man ihn aus Interviews unmittelbar nach Schlusspfiff, wenn die verschwitzten Stars und ihre Vorgesetzten schlecht gecoachte Stanzen à la „Wir haben alles reingehauen“ absondern.
Der Noch-Bundestrainer lieferte nach der Schmach von Massachusetts ein Beispiel dafür: Er sei keiner, der wegläuft, antwortete Julian Nagelsmann nach dem Abpfiff in die Mikrofone, als er nach seiner beruflichen Zukunft gefragt wurde. Dabei wirkte er so hilflos und bemitleidenswert wie ein SPD-Spitzenkandidat nach einer krachend verlorenen Landtagswahl. Er nutzte sogar dieselbe Sprechblase. Als der Bundeskanzler und CDU-Chef ihm dann digital sekundierte, in dem er larifari „Stolz“ kundtat, war eine Große Koalition der Krisen-Blablaisierung geschmiedet.
