Leiche am Mount Everest
Indien sucht Sherpas für lebensgefährliche Mission
02.07.2026 – 16:55 UhrLesedauer: 3 Min.
Ein Toter gilt seit 1996 zugleich als Wegweiser und Mahnmal am Mount Everest. Nun plant sein Heimatland Indien die Bergung.
Für die Bergung eines seit 30 Jahren am Mount Everest liegenden Toten sucht Indien mindestens sechs erfahrene nepalesische Sherpas. Die Elitebergsteiger sollen eine der schwierigsten Bergungsmissionen übernehmen, die das Land jemals in Auftrag gegeben hat, wie das indische Nachrichtenportal „Tribune“ berichtet. Die Sherpas sollen die sterblichen Überreste des 1996 ums Leben gekommenen Bergsteigers aus der sogenannten Todeszone des höchsten Berges der Erde ins Tal bringen.
Wie aus Ausschreibungsunterlagen der Indo-Tibetischen Grenzpolizei (ITBP) hervorgeht, werden Sherpas gesucht, die idealerweise bereits auf dem Gipfel des Mount Everest standen und Erfahrung mit technisch anspruchsvollen Einsätzen oberhalb von 8.000 Metern haben. Geplant ist die Mission auf dem rund 8.849-Meter-Berg im Himalaja für den Zeitraum zwischen Juni und September 2026.
Leichnam muss sachgerecht konserviert werden
Die Aufgabe gehe dabei weit über die eigentliche Bergung hinaus. Die beauftragte Agentur soll unter anderem Genehmigungen der chinesischen Behörden für die Nordseite des Everest in Tibet einholen, so die „Tribune“. Außerdem soll der Transport der Leiche über Nepal nach Indien organisiert werden und dafür gesorgt werden, dass die sterblichen Überreste des Mannes während der Überführung sachgerecht konserviert werden. Zudem sollen religiöse und kulturelle Vorgaben eingehalten werden.
Bei dem Toten handelt es sich um Dorje Morup, einen Angehörigen der Indo-Tibetischen Grenzpolizei. Er gehörte zu einer Expedition, die im Mai 1996 den Mount Everest über dessen Nordflanke besteigen wollte. Am 10. Mai stiegen Morup sowie seine Kameraden Tsewang Samanla und Tsewang Paljor trotz aufziehenden Unwetters weiter in Richtung Gipfel, nachdem drei andere Expeditionsteilnehmer umgekehrt waren. Wenig später gerieten die Männer in einen heftigen Schneesturm und verschwanden.
„Green Boots“ war ein Orientierungspunkt für Bergsteiger
Lange war unklar, welche der bis heute am Berg verbliebenen Leichen Dorje Morup zuzuordnen ist. Erst vor Kurzem meldete die ITBP, dass eine DNA-Untersuchung ergeben habe, dass es sich bei dem als „Green Boots“ bekannten Toten um Morup handelt. Seine Leiche war auch aufgrund der gut sichtbaren neongrünen Bergsteigerstiefel über Jahrzehnte zu einem Orientierungspunkt für andere Everest-Bergsteiger geworden.
Die geplante Bergung gilt als extrem gefährlich. Morups Leiche liegt in rund 8.440 Metern Höhe in der sogenannten Todeszone. In diesem Bereich enthält die Luft so wenig Sauerstoff, dass sich der menschliche Körper selbst im Ruhezustand nicht dauerhaft versorgen kann. Jede Minute in dieser Höhe erhöht das Risiko für Höhenkrankheit, Erschöpfung oder Organversagen.
Hinzu kommen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, plötzliche Schneestürme, Lawinengefahr und extrem gefährliche Passagen. Selbst das Bewegen eines Toten über wenige Meter erfordert in dieser Höhe mehrere Helfer und gilt unter Höhenbergsteigern als eine der riskantesten Aufgaben überhaupt. Ob die Mission tatsächlich durchgeführt werden kann, hängt deshalb maßgeblich von den Wetterbedingungen während des geplanten Einsatzzeitraums ab.
Mount Everest: Viele Leichen verbleiben am Berg
Am Mount Everest sind seit Beginn der Aufzeichnungen über 340 Menschen ums Leben gekommen. Die Todesrate ist in den vergangenen Jahrzehnten dank besserer Ausrüstung deutlich gesunken und liegt mittlerweile bei etwa 1 bis 2 Prozent. Sherpas bezeichnen einen Abschnitt der Route aufgrund der im Frost konservierten Toten als „Leichengasse“. Die genaue Anzahl der geborgenen Leichen ist nicht öffentlich dokumentiert. Es verbleiben weiterhin schätzungsweise rund 200 Leichen in der sogenannten Todeszone ab 8.000 Metern Höhe.
