Eine spezielle Impfung kann mehrere Krebsarten verhindern. Trotzdem nehmen sie viele Menschen in Deutschland nicht in Anspruch. Warum ist das so?
Sie gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Viren weltweit: Humane Papillomviren (HPV). Die meisten Menschen kommen im Laufe ihres Lebens mit ihnen in Kontakt – oft, ohne es zu bemerken. Während viele Infektionen folgenlos ausheilen, führen jedoch einige – noch Jahre später – zu einer Krebserkrankung.
Verhindern könnte das eine Impfung. Doch die wird noch zu wenig genutzt. Woran das liegt, welche Missverständnisse über HPV und die Impfung kursieren und wie die Impfquote erhöht werden soll, erklärt Anne Högemann, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Vorständin des Vereins Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. (ÄGGF).
t-online: Frau Högemann, wieso sind Humane Papillomviren so gefährlich?
Anne Högemann: Weil sich so viele Menschen im Laufe ihres Lebens mit ihnen infizieren: ungefähr acht von zehn. Und weil die Viren manchmal über lange Zeit unbemerkt Veränderungen verursachen können.

Zur Person
Dr. Anne Högemann ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Berlin und Vorständin des Vereins Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e. V. (ÄGGF). Die ÄGGF hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche besser über ihren Körper, Pubertät, Gesundheit und Impfungen wie die HPV-Impfung zu informieren.
Was bedeutet das konkret?
Die Viren werden durch sexuellen Kontakt übertragen. In der Regel kann die körpereigene Abwehr sie bekämpfen, bevor sich Krankheitszeichen entwickeln. Aber bei ein bis zwei von zehn Menschen funktioniert dies nicht. Bei ihnen bewirkt die Infektion, dass sich Zellen in Haut und Schleimhäuten verändern und unkontrolliert vermehren. Dadurch können zunächst Krebsvorstufen und später Krebs entstehen. Dieser Prozess dauert meist viele Jahre und verursacht oft lange keine Beschwerden.
Viele verbinden mit HPV vor allem Gebärmutterhalskrebs.
Das stimmt. Und das ist ein Problem. Laut Robert Koch-Institut erkranken jedes Jahr auch 3.000 Männer an HPV-bedingtem Krebs und von den fast 7.500 erkrankten Frauen haben „nur“ 4.300 Gebärmutterhalskrebs. HPV können neben Gebärmutterhalskrebs auch Krebs im Mundrachenraum, am Darmausgang und an den äußeren Genitalien verursachen, das heißt also am Penis, an der Vulva und in der Vagina. Viele dieser Erkrankungen wären vermeidbar, denn es gibt eine wirksame Impfung gegen HPV.
Warum wird diese dann offenbar nicht genug genutzt?
Aus großen Studien wissen wir, dass viele Menschen in Deutschland noch gar nichts oder nur sehr wenig über Humane Papillomviren und die HPV-Impfung wissen.
- HPV-Prävention: So soll die Krebsgefahr ausgeschaltet werden
Wie ist das zu erklären?
Es gibt sehr viele Aufklärungsangebote, die aber die Menschen nicht flächendeckend erreichen. Die Impfung wirkt am allerbesten, wenn sie im Alter von 9 bis 14 Jahren erfolgt. Eine wichtige Gelegenheit, um Familien über die HPV-Impfung zu informieren und fehlende Impfungen nachzuholen, ist die Jugendgesundheitsuntersuchung (J1), die Vorsorgeuntersuchung der 12- bis 14-Jährigen. Doch die wird nur von knapp der Hälfte der Jugendlichen genutzt, auch weil sie sie oft nicht kennen. Außerdem sind Kinder und Jugendliche in dem Alter weniger krank und deshalb nicht mehr so oft in Praxen, wo sie an die Impfung erinnert werden könnten. Viele Menschen kommen also gar nicht erst an den Punkt, wo sie sich überlegen können, ob sie ihre Kinder impfen lassen wollen oder nicht.
