Mit seinem Witz über Morde an Frauen hat der Kabarettist Dieter Nuhr einmal mehr bewiesen, wie sehr ihm der moralische Kompass fehlt. Überraschend ist allerdings etwas anderes.

Es gab berechtigterweise Aufregung um Dieter Nuhrs gänzlich misslungenen Versuch, die Ermordung von Frauen, also Femizide, humoristisch auszuschlachten. Der ARD-Komiker verwies vor seiner kritisierten Pointe zwar auf die jährliche Zahl der Femizide und sagte, jeder einzelne Frauenmord in Deutschland sei einer zu viel. Er brachte dann aber das Kunststück fertig, am Ende den Frauen die Verantwortung zuzuschieben, indem er spottete: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einmal kennenlernt.“

Mit dieser Täter-Opfer-Umkehr stellte Nuhr unter Beweis, wie wenig er sein Comedy-Handwerk beherrscht. Zu dessen goldener Regel gehört es, niemals die Opfer zu verhöhnen, sondern mit Pointen die Täter ins Visier zu nehmen und Missstände offenzulegen. Der Comedian trat nach unten, nicht nach oben – und als wäre das nicht genug, tritt er jetzt auch noch nach. Weil die österreichische Zeitung „Der Standard“ seinen Witz unter dem Titel „Bei Dieter Nuhr müssen selbst Femizide für eine Pointe herhalten“ als Erste kommentierten, drohten der Comedian und seine Produktionsfirma: Wird der Text nicht zurückgezogen, leite man gerichtliche Schritte ein. Damit entblößt Dieter Nuhr endgültig seine Doppelmoral.

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Diese Meinungsfreiheit gilt auch für Andersdenkende

Ausgerechnet der Mann, der sonst bei jeder Gelegenheit betont, wie gefährdet die Meinungsfreiheit in Deutschland sei, möchte also gegen einen Meinungsbeitrag klagen. Offensichtlich hat sich Dieter Nuhr endgültig verirrt: in eine Welt, in der nur seine Ansichten Gültigkeit besitzen, in der nur sein Kompass den richtigen Weg weist. Doch dieser scheint längst nicht mehr zu funktionieren.

Ist es nicht Nuhr, der sonst mit gespielter Nonchalance über Empörungsdebatten spottet und gemeinhin dafür plädiert, alles ein wenig gelassener zu sehen?

Die Chefredaktion des „Standard“ beweist genau diese Ruhe und schlägt Dieter Nuhr mit seinen eigenen Waffen: „Die Meinungsfreiheit, die Dieter Nuhr in der Vergangenheit oft selbst gefährdet sah, gilt natürlich auch für Kommentare und journalistische Meinungsbeiträge, die nicht seiner Meinung entsprechen“, heißt es aus Wien.

Entsprechend hat die Zeitung die von Nuhr gesetzte Frist verstreichen lassen und den Kommentar nicht gelöscht. Von ihm und seiner Produktionsfirma ist seitdem nichts mehr zu hören. Womöglich hat Dieter Nuhr also gerade noch rechtzeitig bemerkt, in welche Sackgasse er sich manövriert hat. Seine häufig geäußerte Kritik an einer angeblich grassierenden „Cancel Culture“ wendet sich nun gegen ihn selbst. Er sollte sie ernst nehmen.

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