Von der Ukraine lernen

Noch vor wenigen Jahren lag Taiwans Schwerpunkt auf großen Waffensystemen: Kampfflugzeuge, Fregatten, schwere Panzer. Heute investiert die Insel verstärkt in mobile Flugabwehr, Anti-Schiffs-Raketen, Drohnen. Reservisten werden häufiger einberufen, Kommandostrukturen dezentralisiert, Munitionslager verteilt. Eine Armee, die einen Gegner frontal schlagen soll, wird zu einer Armee, die ihm überall wehtun kann.

Chinesisches Kriegsschiff bei einem Manöver (Archivbild): Ein Angriff Chinas auf Taiwan wäre verheerend. (Quelle: Zhang Lei/ColorChinaPhoto/dpa)

Das mag weniger spektakulär aussehen. Strategisch ergibt es aber Sinn. Denn genau hier beginnt die wichtigste Lehre Taiwans aus dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Viele denken dabei zuerst an Drohnen, Himars, Panzerabwehrraketen. Doch die eigentliche Lehre lautet: Zeit ist eine Waffe.

Russland scheiterte mit seinem ursprünglichen Kriegsplan nicht zuerst an westlichen Waffensystemen. Moskau scheiterte daran, dass der geplante schnelle Kriegssieg keiner wurde. Jeder zusätzliche Kriegstag verschaffte der Ukraine neue Waffen, neue Munition und neue politische Unterstützung. Aus wenigen Wochen wurden Monate. Aus Monaten wurden Jahre. Der schnelle Sieg, auf den der Kreml gesetzt hat, rückt immer weiter in die Ferne.

Taiwan versucht nun, dieselbe Logik auf die eigene Lage zu übertragen – obwohl die Ausgangsbedingungen deutlich schwieriger sind.

Chinesische Angriffe gegen Infrastruktur erwartet

Denn anders als die Ukraine verfügt Taiwan über keine offene Landgrenze zu seinen Partnern. Sollte China die Seewege kontrollieren oder die großen Häfen ausschalten, könnte Nachschub die Insel nur noch unter erheblichen Risiken erreichen. Taiwan kann deshalb nicht darauf setzen, dass Hilfe im Ernstfall jederzeit nachfließt. Die Insel muss lange aus eigener Kraft durchhalten.

Deshalb üben die taiwanischen Streitkräfte bei einem Militärmanöver nicht mehr nur Gefechte an den Stränden. Sie trainieren den Ausfall von Kommunikationsnetzen. Behörden proben Krisenabläufe. Die Küstenwache übt, Versorgungsschiffe trotz einer Blockade in taiwanische Häfen zu bringen.

Taiwan bereitet sich damit nicht nur auf einen militärischen Angriff vor, sondern auf einen langen Ausnahmezustand.

Wie reagieren die USA?

Taiwan baut also nicht mehr die Insel zu einer Festung aus, es möchte Zweifel in Peking säen. Doch selbst die klügste Verteidigungsstrategie stößt irgendwann an ihre Grenzen. Sie endet dort, wo Taiwan auf seine Verbündeten angewiesen ist.

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