Verbraucherzentrale warnt
Digitalzwang beim Arzt: Millionen Menschen droht der Ausschluss
15.09.2026 – 10:23 UhrLesedauer: 3 Min.
Arzttermine nur noch per App, Parktickets ausschließlich digital: Für Menschen ohne Internetzugang wird der Alltag zunehmend zum Problem.
Im Gesundheitszentrum ist telefonisch kaum mehr ein Durchkommen, die Sprechstundenhilfe der Hausärztin verweist auf die Online-Terminvergabe und die Facharztpraxis ist am besten per Mail erreichbar. Besonders für betagte Menschen kann der digitale Weg oftmals eine Option mit Hürden sein.
Aber auch manch jüngeren oder technisch versierten Patienten fehlt inzwischen ein direkter Ansprechpartner in den Praxen – ob für organisatorische oder fachliche Fragen. „Terminvereinbarungen, die nicht über Apps oder Internetangebote funktionierten, nehmen ab“, sagt Philipp Wendt, Vorstand der Verbraucherzentrale Hessen in Frankfurt. „Es gibt Praxen, die gar nicht mehr telefonisch direkt erreichbar sind. Das ist vor allem für ältere Menschen ein Problem. Es sollte aus unserer Sicht dringend ein Mindestangebot für ein analoges Leben beibehalten werden.“
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Deshalb appelliert die Verbraucherzentrale an Ärzte, nicht alleine auf diese digitalen Angebote zu setzen, sondern eben auch einen direkten und einen telefonischen Zugang offenzuhalten für die Terminvereinbarung. Alles andere sei nicht richtig, so Wendt. „Denn sonst werden Personen ausgeschlossen, und zwar gerade die, die am hilfsbedürftigen sind“.
Vorteile gegen Bezahlung
Die Verbraucherzentrale kritisiert auch, dass die Nutzer in den Terminbuchungs-Apps auf sogenannte „Selbstzahlertermine“ stoßen. Das kann konkret bedeuten: Für gesetzlich Versicherte werden keine freien Termine angezeigt, aber wenn man dafür bezahlt, darf man kommen.
In Nordrhein-Westfalen hat die Verbraucherzentrale wegen eines solchen Angebots bereits im Jahr 2024 einen Augenarzt verklagt. 150 Euro sollte ein Kassenpatient bei ihm zahlen – oder mehrere Monate warten. Das Landgericht urteilte: Das ist nicht zulässig. Entscheidender Teil der Begründung: Der Termin fand innerhalb der Sprechzeit statt, die für gesetzlich Versicherte vorgesehen ist. Vertragsärzte sind dazu verpflichtet, mindestens 25 Stunden pro Woche für Kassenpatienten zur Verfügung zu stehen.
Dass zahlreiche Praxen mittlerweile auf virtuelle Assistenten statt direkte telefonische Erreichbarkeit setzen, liegt laut Landesärztekammer Hessen vor allem an fehlendem Personal. Es werde immer schwieriger, medizinische Fachangestellte zu finden, erklärt eine Sprecherin, räumte zugleich aber ein, dass eine direkte Kommunikation mit den Patienten wichtig sei – ob am Telefon oder vor Ort am Praxistresen. Alternativ könnten sich die Patienten telefonisch an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117 oder an die Terminvermittlung der Krankenversicherung wenden.
Datenschützer kritisieren Digitalzwang
Hessens Datenschutzbeauftragter Alexander Roßnagel beklagte bereits vor Monaten einen wachsenden Digitalzwang bei wichtigen Dingen des täglichen Lebens, wie bei Arztbesuchen. Die digitale Barrierefreiheit werde oft nicht ausreichend berücksichtigt. Mit Blick auf die Ärzte sagte er: Gerade bei Spezialisten komme es vor, dass Termine nur noch digital durch spezielle Apps vereinbart werden könnten. Dadurch würden auch Gesundheitsdaten an Dritte übertragen.
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