Ausgerechnet aus dem geheimsten Zirkel Deutschlands sollen über Jahre Informationen abgeflossen sein. Im Visier der Ermittler: der Ex-Chef des Bundesnachrichtendienstes August Hanning. Der sorgt nicht das erste Mal für fragwürdige Schlagzeilen.

Wenn dienstags um 10 Uhr die geheimste Runde Deutschlands im Bundeskanzleramt zusammentritt, werden die großen Bedrohungen besprochen: der Krieg im Iran, der Krieg in der Ukraine, die Versorgungssicherheit. Anwesend sind die Leiterinnen und Leiter der deutschen Nachrichtendienste. Sie sollen den Bundeskanzler informieren. Von hier soll nichts nach draußen dringen. Es ist das Innerste der Regierung und der ihr zuarbeitenden Behörden.

Ausgerechnet von hier sollen jahrelang Informationen abgeflossen sein. Es könnte ein Sicherheitsleck historischen Ausmaßes sein.

Ermittlungen des Generalbundesanwalts zufolge steht jemand unter Verdacht, der lange der Runde angehörte: August Hanning, der langjährige Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Er soll mehr als zehn Jahre lang Geld für Informationen aus der Runde bezahlt haben. Geliefert haben soll sein ehemaliger Büroleiter und Assistent, Manfred D., der nach Hannings Zeit an der Spitze des Auslandsgeheimdienstes noch bis Anfang 2026 für den BND-Leitungsstab arbeitete.

Der größte Fall seit Heinz Felfe

Schon der Verdacht ist schwerwiegend, sollte er sich aber bestätigen: Der Bundesnachrichtendienst und die deutsche Sicherheitsarchitektur hätten ein solches Desaster seit Jahrzehnten nicht erlebt. Vermutlich wäre es der brisanteste Fall seit Heinz Felfe, der als sowjetischer Spion bis zum Chef der Gegenspionage im Dienst aufstieg und viele Mitarbeiter im Ausland an gegnerische Dienste verriet. Als er 1961 aufflog, litt das Ansehen des BND enorm.

Das heutige Hauptquartier den BND: In Berlin-Mitte hat der Auslandsgeheimdienst seinen Sitz. (Quelle: IMAGO/Jürgen Ritter/imago)

So könnte es auch in diesem Fall sein, denn Hanning ist bis heute in nachrichtendienstlichen Kreisen eng vernetzt – zum Beispiel als Vorsitzender des Beirats im „Gesprächskreis Nachrichtendienste“, in dem sich zahlreiche hochrangige Ehemalige zusammenfinden. Seitens der Ermittler heißt es, er habe auch in „intensivem Austausch mit einem Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendiensts“ gestanden und ihn mit Informationen versorgt.

Zweifelhafter Wechsel in die Privatwirtschaft

Dementsprechend heftig fallen die Reaktionen aus – es wird nicht an großen Worten gespart. SPD-Fraktionsvize Sonja Eichwede, die im Kontrollgremium der Geheimdienste des Bundestags (PKGr) sitzt, sagt t-online: „Die Vorwürfe gegen Ex-BND-Chef August Hanning sind erschütternd. Sollte sich herausstellen, dass Hanning tatsächlich Geheimdienstinformationen an fremde Staaten weitergegeben hat, muss das Konsequenzen haben.“ Der Rechtsstaat müsse wehrhaft sein, „auch gegenüber Menschen, die ihn von innen heraus unterlaufen“.

SPD-Fraktionsvize Sonja Eichwede: „Der Rechtsstaat muss wehrhaft sein.“ (Quelle: Carsten Koall/dpa/dpa-bilder)

Der Sicherheitspolitiker Konstantin von Notz, der für die Grünen im PKGr sitzt, spricht von einem „einmaligen Vorgang“, der die „Züge einer Staatsaffäre“ habe. Seine Parteikollegin und Fraktionsvorsitzende der Grünen, Britta Haßelmann, spricht von einem „Abgrund, der sich da auftut“. Der Vorsitzende des PKGr, Marc Henrichmann (CDU), hält fest: Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, sei mit Füßen getreten worden, wofür deutsche Geheimdienste stehen.

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