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Gesundheit

Wie die Darmflora uns gesund hält

wochentlich.deVon wochentlich.de13 Dezember 20235 Min Gelesen
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Wie die Darmflora uns gesund hält
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Wie die Darmflora uns gesund hält

Der Darm ist ein ganz eigenes, faszinierendes Biotop, das gehegt werden will. Die Lebensgemeinschaft der Mikrorganismen entscheidet über unser Wohlbefinden. Grund genug, sorgsam mit unseren Mitbewohnern umzugehen.

Ihren ganz großen Schrecken hat die Prozedur in den vergangenen Jahren verloren. Inzwischen muss niemand mehr mehrmals am Tag literweise die Salzlösung herunterwürgen, gegen die sich der Körper trotz aller Geschmacksstoffe instinktiv sträubt. Und das Beruhigungsmittel Propofol macht jede Pritsche zum Himmelbett (wer es mal erlebt hat, kann nachvollziehen, weshalb Michael Jackson danach süchtig war und an einer Überdosis starb).

Neugierige, die die Beruhigungsspritze ablehnen, um die Prozedur am Monitor zu verfolgen, erleben eine Art rötlich ausgeleuchteter U-Bahnfahrt: Halt auf freier Strecke gibt‘s nur, wenn der Gastroenterologe Unregelmäßigkeiten wittert oder hier und da eine Gewebeprobe abzwickt.
Die turnusmäßige, alle zehn Jahre angeratene Darmspiegelung gehört längst zu den probaten Maßnahmen der Krebsvorsorge. Bei Männern ab 50, bei Frauen fünf Jahre später. Menschen, die Verwandte ersten Grades mit Darmkrebs haben, sollten sich schon nach fünf Jahren erneut untersuchen lassen.

Kapsel mit eingebauter Kamera

Bei 80 Zentimetern Dickdarmlänge überwindet das Koloskop eine ganz ordentliche Entfernung. Der Dünndarm wird auf diese Weise nicht betrachtet. Hier liegt auch nur sehr selten eine so zu untersuchende Erkrankung vor. Allein dessen Anfang kann man im Rahmen einer Magenspiegelung einsehen. Inzwischen verbreitet sich auch die so genannte Kapselenodoskopie, bei der der Patient eine winzige Videokapsel schluckt, die dem Mediziner erstklassiges Bildmaterial auch aus dem Dünndarm aus unserem Inneren überträgt.

Yael Adler (Quelle: Markus Höhn)

Yael Adler

Dr. med. Yael Adler ist Fachärztin für Dermatologie, Venerologie, Phlebologie und Ernährungsmedizin (DGEM). Seit 2007 praktiziert sie in ihrer eigenen Praxis in Berlin. Ihr Talent, komplexe medizinische Sachverhalte anschaulich und unterhaltsam zu vermitteln, stellt sie seit Jahren in Vorträgen, Veranstaltungsmoderationen und den Medien unter Beweis. Über Prävention und Therapien spricht sie regelmäßig in ihrem Podcast „Ist das noch gesund?“. Ihre Bücher „Haut nah“ und „Darüber spricht man nicht“ standen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit ihrem letzten Buch „Genial vital! – Wer seinen Körper kennt, bleibt länger jung“ durfte sich die leidenschaftliche Ärztin erneut über diese Spitzenplatzierung freuen.

Doch auch die farbigste Bildwiedergabe in HDTV vermag nicht zu zeigen, was in unserem Darm sonst noch los ist. Im Darm tummelt sich nämlich ein ganzer Kosmos von Bakterien aus Tausenden verschiedenen Arten. Um Missverständnisse auszuschließen: Im günstigen Fall ist die Zusammensetzung und das Zusammenspiel der diversen Gruppen dieser Mikroorganismen gesundheitsfördernd, also für unser Wohl unterwegs. Sie helfen dem Darm beim Verdauen der Nahrung, beschützen vor zu viel Kontakt mit Toxinen und anderen Fremdstoffe und haben unser Immunsystem wesentlich mit in der Hand und unseren Stoffwechsel im Griff. Sie stellen sich an die Seite der Verdauungsenzyme, damit wir aus dem Speisebrei möglichst viele Nährstoffe ziehen.

Botenstoffe, die in die Blutbahn gehen

Die Darm-Community bildet Fettsäuren zum Schutz der Darmzellen und produziert Botenstoffe und Vitamine (B1, B2, B6, B12, K2). Sie besetzt auch alle strategischen Punkte, um unerwünschte Darmbakterien fernzuhalten. Liebe Darmbakterien etwa regen die Schleimbildung an, können Phytoöstrogene aus der Nahrung herauslösen, bilden wichtige Botenstoffe, die kurz darauf in unserer Blutbahn auffindbar sind, reduzieren Allergien und schützen nebenbei noch vor Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Entzündungen. Das Mikrobiom hält unsere Gehirnfunktionen am Laufen und spielt auch eine Rolle bei Übergewicht, Diabetes, Fettleber und dem Risiko für Krebserkrankungen.


Quotation Mark


„Das Mikrobiom hält unsere Gehirnfunktionen am Laufen“


Gesundheitsexpertin Yael Adler


Als „Biomasse“ bringt das Darmmikrobiom gewichtige zwei Kilogramm auf die Waage! Die Anzahl von Bakterien im Dickdarm übersteigt leicht die Anzahl der Körperzellen im Verhältnis 1,3 : 1, sie beträgt etwa 40 Billionen. Es unterscheidet sich in der Zusammensetzung vom Mikrobiom auf der Haut oder auf den Schleimhäuten und ist trotzdem ein Allrounder in unserem Körper. Über seine Stoffwechsel- und Immunaktivität kommuniziert es mit unserem gesamten Organismus und dient gleichzeitig als Bakteriennachschubstelle für Haut- und Schleimhaut.

Unsere Gene entscheiden mit, welche Bakterien sich bei uns besonders wohlfühlen. Den größeren Einfluss hat jedoch die Wahl der Nahrungsmittel: Gemüse, Nüsse, Saaten und mediterrane Kost generieren eine günstigere Darmflora als Fast Food mit süßen Limonaden, raffiniertem Getreide und verarbeitetem Fleisch. Die Artenvielfalt im Magen-Darm-Bereich ist wichtig und ein Indikator für Erkrankungen: Bei Menschen mit Übergewicht, Diabetes, Morbus Alzheimer, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Darmkrebs oder Reizdarmsyndrom ist sie oft vermindert. Gleiches gilt für Patienten mit chronischem Müdigkeitssyndrom.

Der leidige westliche Lebensstil

Wird die bakterielle Personaldecke dünner – etwa im höheren Lebensalter oder durch Antibiotikagaben, Infektionen, einseitige Ernährung, vermutlich auch Pestizide und Mikroplastik sowie ganz klar Rauchen –  und kann das Tagesgeschäft nicht mehr richtig wuppen, meldet unser Körper das durch verschiedenartige Beschwerden. Wir leiden an Verstopfung, Blähungen oder Durchfall, Entzündungen und Gelenkbeschwerden, an Schmerzen oder Juckreiz, Pickeln, schuppender Haut und Rötungen.

Manchmal kommen auch psychische Symptome und Schlafstörungen dazu. Was uns krank macht, ist der „westliche“ Lebensstil. Der Begriff „Zivilisationskrankheiten“ fasst Beschwerden zusammen, mit denen traditionell naturnah lebende Völker bislang eher wenig Probleme haben. Ihr Biom ist quasi authentischer, weil sie keine industriell hergestellten und mit Emulgatoren, Konservierungs- oder Geschmacksstoffen versetzten Lebensmittel durch ihren Verdauungstrakt leiten oder weil ihre Lebensmittel nicht mit Pestiziden in Kontakt kommen.

In unseren Breiten leiden etwa 70 Prozent der Bevölkerung unter einem divenhaften Darm. Für gewöhnlich klingen solche Beschwerden nach ein paar Tagen wieder ab. Geschieht das nicht, sollte der Arzt aufgesucht werden. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Probleme nicht im Darm liegen, sondern am Darm: Entzündungen, Polypen, Divertikel oder Tumore sollten ausgeschlossen werden. Auch Lebensmittelallergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind zu prüfen, ebenso das Vorkommen des Magenkeims Helicobacter pylori.

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