Frank Elstner prägte das deutsche Fernsehen als Moderator und Erfinder ikonischer Shows. Im Interview spricht er über Anstand, die Kaulitz-Brüder und seine Gesundheit.
Frank Elstner beginnt das erste Gespräch mit einer klaren Forderung: „Sorgen Sie bitte dafür, dass ich mich nicht langweile.“ Es folgen weitere Verabredungen und Telefonate. Der 84-Jährige wirkt jedes Mal munter und bestens gelaunt. Humorvolle Anekdoten wechseln sich mit nachdenklichen Momenten ab. Der einstige Entertainer, der seinen Ruhestand im heimischen Baden-Baden verbringt, spricht über die Leidenschaft seines Lebens: das Fernsehen. Und über eine Sache, die seiner Ansicht nach zusehends in Gefahr gerät.
t-online: Herr Elstner, was bedeutet Anstand für Sie?
Frank Elstner: Wenn ich an Anstand denke, fällt mir sofort Fairness ein. Beides hat viel miteinander zu tun.
Nehmen Sie ein Beispiel aus dem Fußball: Zwei Mannschaften, die sich harte Zweikämpfe liefern und ein leidenschaftliches Duell austragen, aber fair bleiben und sich an die Regeln halten, handeln nicht unanständig. Sie versuchen lediglich mit allen erlaubten Mitteln einen Sieg zu erringen.
Ab wann wäre es denn unanständig – wenn ein Spieler seinem Gegner mit Absicht einen Ball ins Gesicht wirft?
Das ziemt sich nicht, keine Frage. Aber es kommt darauf an: So ein schnippischer Moment des Ballwurfs könnte auch in die Kategorien unverschämt oder respektlos fallen.
Es gibt also keine klaren Grenzen?
Wer Anstand hat, provoziert nicht über Gebühr – und genauso wenig würde er ohne zuvor erfolgte Provokation zu respektlosen Mitteln greifen, wie jemandem einen Ball ins Gesicht zu werfen. Anstand ist eine Frage des Kontexts.
Witzig, dass Sie dafür ausgerechnet die Fußballwelt als Beispiel heranziehen.
Es ist eine entzückende Vorstellung, sich ein Stadion mit 60.000 Menschen als Schauplatz eines Anstandsseminars vorzustellen. Zu viel Theorie tut dem trockenen Thema nicht gut.
Anstand ist, nach einer Niederlage die Größe zu haben, dem Sieger zu gratulieren.
frank elstner
Eine wilde Rauferei auf dem Spielfeld, feindselige Stimmung in der Luft, dazu Schmähgesänge von den Rängen: Da denken Sie an Sitten und Moral?
Wir müssen schon bei der Sache bleiben: Egal wie übel die Schlachtrufe aus den Fanlagern auch sein mögen – handgreiflich wird es in den seltensten Fällen. Und wissen Sie: Im Sport liegen Freude und Enttäuschung oft nah beieinander. Anstand ist, nach einer Niederlage die Größe zu haben, dem Sieger zu gratulieren.
Geht dieser Wert verloren? Ist unsere Gesellschaft unanständiger geworden?
Wer zu viel Zeit im Internet verbringt, dürfte diesen Eindruck schnell gewinnen: Dort dominieren Spott und Häme, Hass und Zwietracht. Die großen Konzerne hinter den Netzwerken scheinen ihren Algorithmen keinen Anstand beigebracht zu haben. Im Gegenteil.
Wie halten Sie es im echten Leben?
Ich glaube, es ist wichtig, den Anstand in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen. Nur dann kann man sich an ihm orientieren – wenn man daran glaubt, dass er etwas bewirkt. Wer das für dummes Gefasel hält, kann es gleich lassen.