Das aktuell sehr gut mögliche Regierungsbündnis, Linke plus Grüne plus SPD, wäre darum wohl ein deutlich anderes als noch in den Jahren 2016 bis 2021, als die drei Parteien erstmals gemeinsam die Hauptstadt regierten, damals unter Führung der SPD. Ob es Eralp, die man selbst kaum als pure Ideologin bezeichnen kann, schaffen wird, die Fliehkräfte innerhalb ihrer Partei zu bändigen, muss sie erst noch beweisen. Gelingt es ihr nicht, könnten sich Grüne und SPD, Stand jetzt, auch der CDU zuwenden, wenngleich eine solche Koalition bei ihren Wählern weit weniger populär ist.
Gezeigt hat sich derweil schon jetzt: Ihr populistischer Wahlkampf, dessen Sprüche an TikTok-Videoschnipsel erinnern, scheint aufzugehen. Die Linke als Kümmererpartei mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen – das kommt an. Bemerkenswert ist, dass Eralp in der Forsa-Umfrage erstmals auch im direkten Vergleich mit dem CDU-Kandidaten Stefan Evers beliebter ist. Für eine Poltikerin, die bis vor einem Jahr noch niemand kannte, ist das ein großer Erfolg.
Und noch ein Befund lässt sich festhalten: Weil Eralp und die Linke ganz offensichtlich auch von der gesellschaftlichen Polarisierung profitieren, muss bei einem Zustimmungswert von 22 Prozent längst noch nicht Schluss sein. Denn egal, ob es der AfD in Sachsen-Anhalt zwei Wochen vor der Berlin-Wahl gelingen wird, die absolute Mehrheit zu erreichen oder nicht – das Signal eines Rechtsrucks wird von Magdeburg ohnehin ausgehen. Und diesem Rechtsruck könnten sich in der links geprägten Hauptstadt durchaus noch mehr Menschen entgegenstellen wollen, mit einer Stimme für die Linke. Die Partei scheint damit kaum noch zu stoppen zu sein.
2. Der Evers-Effekt verpufft
Als Berlins aktueller Regierender Bürgermeister Kai Wegner wie einst Joe Biden seinen Rückzug im bereits angelaufenen Wahlkampf erklärte, atmeten sie in der CDU landauf, landab auf: Gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt, kurz vor Druck der Plakate. Und, Glück im Unglück, mit Finanzsenator Stefan Evers stand auch schon ein passender Ersatz bereit, einer, der zumindest nicht gänzlich unbekannt ist in der Stadt, der seriös wirkt und zugleich freundlich, zugewandt.
Knapp sechs Wochen später jedoch lässt sich sagen: Gebracht hat dieser Move bislang wenig. Der Evers-Effekt, wenn es ihn überhaupt gab, er ist verpufft. Mit vier Punkten Vorsprung führt die Linke in der aktuellen Erhebung – so groß war der Abstand bislang in noch keiner Umfrage. Und, fast genauso dramatisch in der traditionell links geprägten Hauptstadt: Die AfD liegt mit der CDU gleichauf, holt ebenfalls 18 Prozent.
