Wie unterscheiden sich deutsche Minderheiten von solchen mit deutschen Wurzeln – etwa in den USA, Brasilien oder Argentinien?
Der Unterschied liegt in ihrem historischen und politischen Status. Deutsche Minderheiten in Europa und Zentralasien leben seit Generationen in dauerhaften Siedlungsgebieten und sind dort meist offiziell anerkannt. Sie verfügen über eigene Organisationen, Medien und Schulen sowie eine sichtbare kulturelle Identität im öffentlichen Raum. Sie waren von den Folgen des Zweiten Weltkriegs besonders betroffen. Das Schicksal, das sie durch den Krieg erlitten hatten, bedeutete, dass diejenigen, die sich nach 1945 hinter dem Eisernen Vorhang befanden, abgeschnitten waren. In vielen Fällen konnten sie ihre Sprache und Kultur nicht in der Öffentlichkeit bewahren und wurden weit verbreitet diskriminiert, außer beispielsweise in Siebenbürgen in Rumänien.
Erst der politischen Wende im Jahr 1989 war es zu verdanken, dass die deutschen Minderheiten ihre Strukturen wieder öffentlich sichtbar machen und weiterentwickeln konnten. Um positive Beziehungen zwischen Minderheiten und der Mehrheitsbevölkerung zu fördern, erhalten sie von Deutschland Unterstützung in Form von Programmen und Fördermitteln.
Welche Gruppen fallen mir aufgrund ihrer Bräuche und Traditionen sofort ein?
Ein gutes Beispiel sind die Siebenbürger Sachsen. Die Minderheit legt großen Wert auf Bildung und ist sehr professionell organisiert; es ist auch der Demokratie verpflichtet. Obwohl sie nur rund ein Prozent der rumänischen Bevölkerung ausmachen, sind sie sehr anerkannt und engagieren sich aktiv in der Politik. Auch ihre Kirchenburgen zeugen von der langen Geschichte der deutschen Minderheit und prägen das Landschaftsbild Siebenbürgens, dieser Region in Zentralrumänien. Die Kasachstandeutschen sind eine der größten Gruppen unter den deutschen Minderheiten. Ihre Familiengeschichte ist oft mit traumatischen Ereignissen wie mehrfachen Deportationen verbunden.
Was hält diese Gruppen zusammen?
Viele bewahren Bräuche, die in Deutschland heutzutage selten geworden sind. Einige ihrer Bräuche sind Hunderte von Jahren alt. Für viele junge Menschen sind diese Traditionen keineswegs altmodisch, sondern fester Bestandteil ihrer Identität. Gleichzeitig leisten sie einen aktiven Beitrag mit zeitgemäßen Kulturangeboten, die auch der Mehrheitsbevölkerung offen stehen und ein authentisches und modernes Bild von Deutschland und den deutschen Minderheiten vermitteln.
Wie unterstützt Deutschland diese Minderheiten?
Deutschland nimmt seine historische Verantwortung wahr und fördert Sprache, Kultur und zivilgesellschaftliche Strukturen. Dafür setzt das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen konkrete Schritte: Seit den 1990er Jahren entsenden wir junge Fachkräfte aus Deutschland, vergeben Stipendien, fördern Projekte in den jeweiligen Ländern und entwickeln Online-Dienste. Ziel ist es, dass die Minderheiten ihre Sprache weitergeben und Brücken zur Mehrheitsbevölkerung bauen. Dadurch soll auch die Arbeit mit der jungen Generation gefördert und eine Weiterentwicklung der Medienstrukturen ermöglicht werden.
