Regierung in Bayern
Streitlustig und streitbar – Freie-Wähler-Chef Aiwanger tot
Aktualisiert am 04.11.2026 – 22:54 UhrLesedauer: 4 Min.
Jahrelang wurde Hubert Aiwanger von seinen Konkurrenten belächelt – mal wegen seines Dialektes, mal wegen seiner Forderungen. Am Ende lachte aber nicht selten der Niederbayer. Nun ist er tot.
Er war das Gesicht, die Stimme und der starke Mann der Freien Wähler. Er war streitlustig, aber auch streitbar und umstritten. Er war ein Vollblutpolitiker und erlangte – auch mit seinem besonderen niederbayerischen Dialekt – auch bundesweit Bekanntheit. Nun ist Hubert Aiwanger, Bundes- und Landesvorsitzender seiner Partei, völlig überraschend im Alter von 55 Jahren gestorben. Der zweifache Vater wurde am Mittwoch tot in einem Berliner Hotelzimmer entdeckt – das bestätigte die Berliner Staatsanwaltschaft.
„Der plötzliche Tod von Hubert Aiwanger ist eine absolute Tragödie“, schrieb Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder auf der Plattform X. „Wir sind alle zutiefst geschockt. Unsere Gedanken sind nun zuerst bei seiner Familie und seinen Kindern. Wir trauern mit ihnen und beten für sie.“
Am Nachmittag hätte Aiwanger nach dpa-Informationen bei der Eröffnung eines Hauptstadtbüros der Freien Wähler eine Rede halten sollen. Er habe sich aber aus gesundheitlichen Gründen abgemeldet und vertreten lassen. Später sei er nicht mehr erreichbar gewesen und sei dann leblos gefunden worden. Der Niederbayer aus Rottenburg an der Laaber hatte zwei Kinder und lebte mit der Regensburger Freie-Wähler-Landrätin Tanja Schweiger zusammen.
Seit 2008 im Landtag, seit 2018 Minister
2008 war Aiwanger mit seinen Freien Wählern erstmals in den bayerischen Landtag eingezogen und wurde deren Fraktionschef. Zehn Jahre später, 2018, schmiedeten CSU und Freie Wähler eine Koalition. Aiwanger wurde Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident.
Eine Zäsur war der Spätsommer 2023. Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Bayern hatte ihn ein antisemitisches Flugblatt aus lang vergangenen Tagen eingeholt, das in seiner Schulzeit bei ihm gefunden worden war. Die Regierungskoalition mit der CSU stand am Rand des Scheiterns, Aiwanger drohte der Rausschmiss – und doch feierte er bei der Wahl wenige Wochen später ein neues Rekordergebnis von 15,8 Prozent für die Freien Wähler.
Begnadeter Festzelt-Redner mit besonderem Dialekt
Mit Aiwanger verliert Bayern eine Persönlichkeit, die auch in der an besonderen Charakteren alles andere als armen bayerischen Landespolitik immer besonders hervorstach. Nicht nur wegen seines ganz besonderen Dialektes, der etwa aus einem normalen Glas Apfelsaft einen „Opflsoft“ machte. Auch seine Fähigkeit, politische Reden auf Parteitagen, in Bierzelten oder im Landtag ohne jedes Manuskript – dafür aber mit der ein oder anderen Redundanz – zu halten, machte ihn besonders. Was aber auch seine politischen Widersacher besonders honorierten, war etwas anders: Aiwangers besonderes Gespür für die Themen der „kleinen Leute“.
Zeitlebens war es Aiwanger wichtig, sich von jenem Profi-Politikertum zu distanzieren, welches er am Ende selbst sieben Tage die Woche lebte. Bei dem 55-Jährigen klang das dann so: „Wir sehen eine Regierungsbeteiligung nur als notwendiges Übel, um die Zukunft des Landes weiter zu gestalten.“ Die politischen Fehler „von denen da oben“ in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten machten es für ihn notwendig, selbst Verantwortung zu übernehmen. „Ansonsten würde ich vielleicht Bäume pflanzen und Schweine füttern.“
