Arbeitgeberpräsident Dulger erhöht den Druck auf die Regierung: Die Reformen müssen zügig kommen, fordert er. Ein Gespräch über die Rente, den Kanzler, seinen Arbeitsminister und über alte Schallplatten.
Deutschland steht vor umfassenden Reformen – in der Pflege, im System der Krankenkassen, bei der Rente. Nur: Mit dem Großteil dieser Umbaumaßnahmen hat die Bundesregierung noch immer nicht begonnen.
Rainer Dulger ärgert das. Seit bald anderthalb Jahren fordert der Arbeitgeberpräsident mehr Tempo von der Regierung, vom Bundeskanzler, vor allem aber vom zuständigen Arbeitsministerium. Dieses wird seit Kurzem geleitet von Alexander Schweitzer. Beim Treffen mit t-online in Berlin berichtet Dulger, welchen ersten Eindruck er von ihm gewonnen hat, wo er Friedrich Merz beim Wort nimmt – und wie sein Blick auf die USA nach dem Midtermwahlen ist.
t-online: Herr Dulger, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Schallplatte?
Rainer Dulger: Das war, glaube ich, ein Kinderhörspiel. „Das Schlossgespenst Hui Buh“, meine ich – ein Geschenk von meinem Opa. Stundenlang habe ich vor dem Plattenspieler gesessen und das rauf und runter gehört. Eine total spannende Geschichte.
Und die erste LP, die Sie selbst gekauft haben?
Das weiß ich tatsächlich noch ganz genau: 1984, Herbert Grönemeyer erstes Album „Bochum“. Die Platte ist damals eingeschlagen wie eine Bombe und hat auch mich umgehauen. Seitdem bin ich Fan. Bis heute ist das eine der besten Platten, die ich besitze.
Wir fragen all das, weil auch Sie uns bisweilen erinnern an eine Schallplatte, allerdings an eine hängengebliebene. Seit bald anderthalb Jahren tönen Sie dasselbe Klagelied vom fehlenden Reformeifer der Bundesregierung, ohne dass daraus etwas folgt. Wie sehr frustriert Sie das?
Über mein Frustlevel muss sich niemand sorgen. Es ist mein Job, die Bundesregierung immer und immer wieder aufzufordern, die notwendigen Reformen endlich in die Tat umzusetzen. Und genau das tue ich – auch wenn es mich manchmal an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert. Die Bundesregierung hat eine Mehrheit im Bundestag. Sie hat damit auch die Verantwortung, dieses Land in eine bessere Zukunft zu führen. Darum rate ich der Regierung dringend: Nutzen Sie diese Mehrheit endlich. Stellen Sie sich der Verantwortung, bauen Sie etwas auf. Sonst droht Deutschland der Abstieg.
Der Kanzler hat nach den Ost-Wahlen zum wiederholten Mal angekündigt, dass er entschlossen ist, die Reformen bei Rente, Arbeitsmarkt, Pflege anzupacken. Passiert ist seitdem aber weiterhin nichts. Glauben Sie Friedrich Merz noch?
Ich habe gelernt, Menschen nach ihren Taten zu beurteilen, nicht nach ihren Worten.
Und wie beurteilen Sie die Taten von Herrn Merz?
Ich sehe, dass die Bundesregierung grundsätzlich handlungsfähig ist. Außenpolitisch hat Friedrich Merz Deutschland gestärkt. Bei den Sozialreformen hat die Regierung erste Schritte in die richtige Richtung unternommen. Aber das reicht nicht. Die Regierung darf sich jetzt nicht ablenken lassen, weder von Personaldiskussionen noch von außenpolitischen Krisen. Es muss jetzt einfach schnell gehen. Deutschland hat keine Zeit mehr zu verlieren.
