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Immer mehr Deutsche bedenken gemeinnützige Organisationen im Testament. Warum? Eine Expertin erklärt die Motive – und was man beachten sollte.

Jahr für Jahr werden in Deutschland Milliarden vererbt – ein großer Teil geht dabei nicht an Verwandte, sondern an gemeinnützige Organisationen. Was motiviert Menschen dazu, ihr Vermögen der Gesellschaft zugutekommen zu lassen? Und wie spricht man mit Angehörigen über eine Entscheidung, die oft mehr ist als nur eine Geldfrage?

Ein Gespräch mit Barbara Françoise Gruner, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit, über stille Spender, emotionale Vermächtnisse – und die Kraft eines klaren Testaments.

t-online: Frau Gruner, die Deutschen vererben so viel wie nie. Merken Sie davon etwas bei den SOS-Kinderdörfern?

Barbara Françoise Gruner: Ja, tatsächlich spüren wir das schon länger. Erbschaften und Testamentsspenden sind heute eine zunehmend wichtige Quelle, um unsere Arbeit zu finanzieren. Mittlerweile stammt rund ein Drittel unserer Spendeneinnahmen aus Nachlässen, Testamentsspenden und Vermächtnissen. Es sind dabei weniger die großen Vermögen, die uns übertragen werden. Häufig sind es ganz normale Menschen, die ihr Lebenserspartes, das Häuschen oder andere Werte gemeinnützig weitergeben.

Woran liegt es, dass immer mehr Menschen dazu bereit sind, einen Teil ihres Vermögens gemeinnützig zu vererben?

Anders als früher sind Testament, Nachlass und Tod heute keine Tabuthemen mehr. Über viele Jahre hatte das einen gewissen Beigeschmack – man sprach nicht gern über das eigene Ende. Heute verändert sich das. In einer Forsa-Umfrage, die wir Anfang des Jahres in Auftrag gegeben hatten, zeigte sich deutlich: Immer mehr Menschen entscheiden sich ganz gezielt für ein gemeinnütziges Vermächtnis. 46 Prozent der Bundesbürger, bei den Jüngeren sogar 54 Prozent, können sich demnach eine Testamentsspende vorstellen. Das ist ein kultureller Wandel, den wir deutlich spüren.

Barbara Françoise Gruner ist seit 1. Januar 2023 im Vorstand des SOS-Kinderdörfer weltweit Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e.V. und leitet unter anderem den Bereich Fundraising und Mittelbeschaffung. Sie ist Expertin für internationale Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe sowie für Fundraising im Kontext von Non-Profit-Organisationen und Sozialunternehmen.

Liegt das steigende Spendenaufkommen nicht auch daran, dass es heute schlicht mehr ältere Menschen in Deutschland gibt als früher?

Auch das spielt eine große Rolle. Wir erleben gerade das Nachlassverhalten der geburtenstarken Jahrgänge – der Babyboomer, aber auch der sogenannten Wiederaufbaugeneration. Viele dieser Menschen treten ins Rentenalter ein oder beschäftigen sich mit dem eigenen Nachlass. Die Anzahl der Todesfälle steigt – und damit auch die Zahl derer, die überhaupt etwas zu vererben haben. Ich bin sicher: Das wird noch die nächsten 15 Jahre ein relevantes Phänomen bleiben, bevor die geburtenschwächeren Generationen folgen.

Was bewegt Menschen dazu, einen Teil ihres Vermögens gemeinnützig zu vererben?

Für viele ist es eine zutiefst persönliche Entscheidung – oft mit biografischem Bezug. Manchmal geht es darum, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Häufig aber auch um Werte und Erlebnisse, die ein Leben geprägt haben: Jemand, der als Flüchtlingskind aus Schlesien nach Deutschland kam, möchte zum Beispiel Kinder unterstützen, die heute auf der Flucht sind. Solche Entscheidungen sind oft sehr durchdacht. Und sie zeigen: Ein Testament ist mehr als eine Formalie – es ist das letzte Geschenk.

Gibt es Begegnungen oder Geschichten, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Oh ja, viele. Eine Frau erzählte uns, dass sie ihr Leben lang gern gereist ist. Sie stellt sich vor, wie sie später – im Himmel auf ihrer Wolke – eine Schulklasse im Senegal beobachtet, die mit ihrer Hilfe lernen kann. Manchmal ist es auch gar nicht der finanzielle Nachlass, der uns bewegt, sondern der emotionale Wert bestimmter Gegenstände. In einer Wohnung fanden unsere Mitarbeiter etwa eine gepresste Blume – ein Geschenk vom Ehemann, der nie aus dem Krieg zurückkam. Die konnten wir dann der Schwester der Verstorbenen übergeben. In solchen Momenten merkt man, wie viel Vertrauen uns entgegengebracht wird – und wie viel Verantwortung das bedeutet.

Das heißt, wenn Menschen Ihnen ihren Nachlass vermachen, lösen Sie auch schon mal ganze Wohnungen für sie auf?

Das kann passieren, ja. Wenn wir Erbe sind, übernehmen wir viele der Aufgaben, um die sich sonst die Angehörigen kümmern müssten. Vom Kündigen aller Verträge bis dahin, den Schmuck aus dem Bankschließfach zu holen.

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