Als Schauspieler übernimmt Oliver Masucci oft Rollen mit einer besonderen Widersprüchlichkeit. Wie sehr der 57-Jährige diesem Bild selbst nahekommt, beweist er im Interview.
Oliver Masucci versprüht eine Energie, die schwer zu greifen ist: Der Schauspieler wirkt im Interview mal launig, dann ernst, zuweilen politisch scharf. Der Mann, der sieben Jahre lang dem Ensemble des Wiener Burgtheaters angehörte, versteht sein Fach – und interessiert sich doch für so viel mehr als nur das Schauspiel.
In seinen Ansichten scheint sich das Motto seines Hobbys widerzuspiegeln: Der leidenschaftliche Koch scheut sich nicht, ungewöhnliche Inhalte wie Zutaten miteinander zu mischen, zu würzen und am Ende als seine Wahrheit aufzutischen.
t-online: Herr Masucci, weinen Sie oft?
Oliver Masucci: Wenn mich etwas berührt, dann kommen mir sehr schnell die Tränen.
Ist das für Ihre Arbeit ein Handicap?
Nein. Im Gegenteil. Wussten Sie, dass Weinen und Lachen sehr nah beieinander liegen? Von der Bewegung des Zwerchfells her ist es technisch der gleiche physiologische Vorgang.
Sie haben sich in Ihrem neuen Film mit der Zeit der deutschen Teilung befasst. War Ihnen da auch zum Weinen und Lachen gleichermaßen zumute?
Nicht nur in „Adams Acht“, auch in den ARD-Serien „Herrhausen“ und in „Preis der Freiheit“ habe ich mich damit beschäftigt. Die Wiedervereinigung ist bis heute nicht abgeschlossen. Es gibt immer noch viele Wunden und Missverständnisse. Menschen, die auf der Strecke blieben oder ermordet wurden. Auch der Kalte Krieg ist wieder gegenwärtig. Und Steuern wie der Solidaritätszuschlag sind schnell eingeführt und werden nie mehr abgeschafft. Genauso wie die Sektsteuer. 1902 von Kaiser Wilhelm II. eingeführt, um den Bau des Nord-Ostsee-Kanals und die Kaiserliche Kriegsflotte zu finanzieren, hat sie bis heute Bestand. (lacht)
Wie geht Ihr neuer Film damit um?
In „Adams Acht“ ruderte 1960 ein gesamtdeutscher Achter von Nobodys zur olympischen Goldmedaille. Trotz Teilung. Es wird gezeigt, wie wichtig es ist, diese Unterschiede nicht zu ignorieren, sondern aktiv daran zu arbeiten, sie zu überwinden, indem man ein gemeinsames Ziel setzt, das größer ist als die Summe der Einzelteile. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für jede Gesellschaft, die mit Spaltungen zu kämpfen hat.
Wir haben aber eben nicht nur einen gewählt, sondern viele. Die müssen jetzt Mehrheiten bilden und ihren Job machen.
oliver masucci
Befürchten Sie manchmal, dass das Bewusstsein dafür, welch wertvolles Gut die Demokratie ist, verloren geht?
Manchmal, ja. Und sie wird auch missverstanden.
Woran machen Sie das fest?
Ich nehme wahr, dass Demokratie einerseits zu sehr als Selbstverständlichkeit angesehen wird – und andererseits wird vergessen, woraus sie entstanden ist. Menschen werden zu sehr ausgegrenzt, wenn sie nicht den Kriterien der selbst ernannten Mitte der Gesellschaft entsprechen. Ich habe das Gefühl, Menschen meinen unter dem Begriff Demokratie etwas vollkommen Unterschiedliches.