„Dieser Roman ist ein Ereignis“
Deutscher Buchpreis geht an Schweizer Autorin
Aktualisiert am 13.10.2025 – 18:53 UhrLesedauer: 3 Min.
Dorothee Elmigers Buch sei ein „faszinierender Trip ins Herz der Finsternis“, schreibt die Jury. Für „Die Holländerinnen“ erhält die Autorin jetzt einen der renommiertesten Literaturpreise.
Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an die Autorin Dorothee Elmiger für „Die Holländerinnen“. „Dieser Roman ist ein Ereignis“, heißt es in der Begründung der Jury. Elmigers Stil sei gleichzeitig distanziert und doch fesselnd und das Buch „ein faszinierender Trip ins Herz der Finsternis“. Die 1985 geborene Schweizerin, die in New York lebt, galt bereits als eine Favoritin.
„Die Holländerinnen“ handelt von einer kollektiven Grenzüberschreitung im Regenwald Südamerikas. Erzählt wird die unheimliche Geschichte weitgehend in der indirekten Rede. Eine Autorin berichtet in einer Poetikvorlesung von ihrer Reise in den Dschungel als Teil einer Theatergruppe. Diese ist auf den Spuren zweier holländischer Backpackerinnen, die vor Jahren dort tatsächlich verschwunden sind. Doch das Projekt läuft ziemlich aus dem Ruder: Die Gruppe wird vom Urwald nahezu verschluckt und erzählt sich verstörende Geschichten.
„Je tiefer sie sich im Dickicht und Morast verläuft, desto mehr reißt Elmiger die Leser*innen in einen Sog der Angst. Ihr Roman erzählt von Menschen, die in ihr „dunkelstes Gegenteil“ verfallen“, findet die Jury. „Indirekt ist dabei nicht nur Elmigers Sprache, sondern auch ihr Verweis auf unsere Gegenwart, die Schritt für Schritt in Selbstüberhebung versinkt.“
Ja, auf jeden Fall. Die Lektüre lässt einen nicht mehr los, auch wenn in dem Buch vieles unklar bleibt: Nichts wird zu Ende erzählt, nichts aufgeklärt. Konkret ist nur die Verunsicherung. Die Sprache bildet diesen Grusel perfekt ab: Sätze winden sich wie Schlingpflanzen um eine dunkle Mitte, der Konjunktiv distanziert das Geschehen von der Realität.
„Der Horror liegt naturgemäß außerhalb der Sprache“, schreibt Elmiger, er sei, „wenn man so wolle, ihr Gegenteil“. Das darzustellen, gelingt ihr meisterhaft. Wer das Buch lesen will, könnte derzeit allerdings Pech haben: Der beim Hanser-Verlag erschienene Titel ist vielerorts vergriffen und hat nach Auskunft von Buchhändlern aktuell mitunter mehrere Wochen Lieferzeit.
Der Deutsche Buchpreis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen der Branche und wird traditionell am Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Neben Elmiger waren noch fünf weitere Kandidatinnen und Kandidaten in der engeren Auswahl: Kaleb Erdmann («Die Ausweichschule»), Jehona Kicaj («ë»), Thomas Melle («Haus zur Sonne»), Fiona Sironic («Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft») sowie Christine Wunnicke («Wachs»).
In den vergangenen Wochen waren verschiedene Favoriten in den Medien gehandelt worden, darunter Elmiger. Die Schweizerin stand bereits mit ihrem letzten Buch „Aus der Zuckerfabrik“ auf der Shortlist für den Schweizer und für den Deutschen Buchpreis. 2022 wurde sie in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen.
