Die AfD bezeichnet Menschen mit Behinderung als „Belastungsfaktoren“; die Inklusion will sie abschaffen. Aktivist Raúl Krauthausen glaubt, dass viel mehr Menschen so denken.

Die schwarz-rote Koalition hat sich ambitionierte Reformen vorgenommen: Rente, Krankenversicherung oder Steuern. Die Perspektive von Menschen mit Behinderung spielt dabei kaum eine Rolle, höchstens wenn es um Kürzungen geht. Eine groß angekündigte Reform verpuffte schnell.

Der Aktivist Raúl Krauthausen geht mit der Regierung daher hart ins Gericht. Er sieht nicht einen einzigen Fortschritt im Bereich der Inklusion. Im Gegenteil: Die schwarz-rote Politik habe die Lage seiner Ansicht nach sogar verschlechtert. Derweil seien die Schlussfolgerungen der AfD grundfalsch, auch wenn ihre Politiker aussprächen, was viele insgeheim dächten.

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t-online: Herr Krauthausen, die AfD behauptet, Inklusion schade den übrigen Kindern. Was entgegnen Sie der Partei?

Raúl Krauthausen: Solchen Parteien geht es nicht um Inhalte, sondern um Gefühle. Das Gefühl, das sie bedienen, lautet: „Unser Bildungssystem ist eine Katastrophe, und jetzt sollen wir auch noch diese und jene Gruppen mitbeschulen, darunter leiden die deutschen Kinder.“ Studien zeigen aber: Kinder leiden nicht unter Vielfalt, wenn die Quote stimmt, sondern unter zu großen Klassen, zu wenigen Pädagoginnen und Ganztagsschulen, die sie ab 14 Uhr eher verwahren als fördern. Kleinere Klassen und mehr Personal würden allen helfen. Und aus Vielfalt können alle enorm viel lernen.

Zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderung auch geben können. Oder dass das Kind mit Migrationsgeschichte die Hausaufgaben zum Abschreiben hat. Eine solche Klasse bietet viel mehr Lernerfahrungen als eine, in der alle deutsch und nichtbehindert sind. Würden wir Kinder mit Behinderung in einen Raum stecken und Kinder mit Migrationsgeschichte in einen anderen, dann begegneten sie einander erst nach der Schule zum ersten Mal. Das würde die Gesellschaft noch weiter auseinandertreiben.

Björn Höcke hat Kinder mit Behinderung als „Belastungsfaktoren“ bezeichnet. Was machen solche Äußerungen mit der Gesellschaft?

Parteien wie diese sprechen aus, was viele heimlich denken. Und dieses heimliche Denken ist weit verbreitet: dass Kinder mit Behinderung eine Belastung für die Regelklasse seien. Diese vermeintliche Belastung entsteht, wenn überhaupt, aber erst, wenn zu viele von ihnen in einer Klasse sind. Verteilte man alle Kinder mit Behinderung gleichmäßig, käme auf jede Klasse etwa ein Kind.

Kind mit Rollstuhl: Die AfD lehnt Inklusion ab. (Archivbild) (Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa/dpa-bilder)

Aber das passiert aktuell nicht.

Stattdessen stecken wir sie alle in einen Raum und wundern uns, dass sie keine guten Abschlüsse schaffen. Danach landen sie in Behindertenwerkstätten, Berufsbildungswerken und Wohnheimen, möglichst weit weg von der Mehrheitsgesellschaft. So zementiert sich die Überzeugung, in einer Regelklasse würde es ohnehin nicht funktionieren.

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