Papst segnet Rekordturm
Jetzt fürchten Anwohner den Abriss ihrer Häuser
10.06.2026 – 17:14 UhrLesedauer: 3 Min.
172,5 Meter ragt der Jesus-Christus-Turm der Sagrada Família in den Himmel über Barcelona. Papst Leo XIV. weiht ihn ein – doch in der Stadt gibt es offene Fragen.
Papst Leo XIV. wird am Mittwochabend den Jesus-Christus-Turm der Sagrada Família in Barcelona einweihen. Mit 172,5 Metern ist der Turm nun das höchste Kirchenbauwerk der Welt und überragt das Ulmer Münster, das diesen Rang bisher innehatte. Die Einweihung fällt auf den 100. Todestag des Architekten Antoni Gaudí und wird von mehreren Debatten begleitet.
Den Turm krönt ein 17 Meter hohes und 13,5 Meter breites Kreuz, das sich besteigen lässt und von dem aus Besucher einen Panoramablick über Barcelona genießen können. Gaudí hatte sich gewünscht, dass das Kreuz als Leuchtfeuer dient und nachts die Stadt erhellt, um daran zu erinnern, dass Jesus „das Licht der Welt“ sei.

Kreuz in der Kritik
Genau dieses begehbare Kreuz löst Kritik aus. Carolina García-Estévez, Professorin für Kunstgeschichte, äußerte im Gespräch mit der „Tagesschau“ Zweifel daran, ob ein solches Konzept dem Symbolgehalt des Kreuzes gerecht wird: „Ein Kreuz hat eine hohe Symbolik. Ich glaube nicht, dass ein Aufzug dorthin mit Panoramablick über Barcelona dem gerecht wird.“ Ein begehbares Kreuz sei sicher nicht im Sinne Gaudís gewesen, so García-Estévez.
Damit steht erneut eine Frage im Raum, die Wissenschaftler und Bewohner Barcelonas seit Jahrzehnten beschäftigt: Wird die Sagrada Família wirklich nach dem Willen und den Plänen Gaudís gebaut? Der heutige Chefarchitekt Jordi Faulí verweist darauf, dass Gaudí zu Lebzeiten stets junge Architekten um sich versammelt und seine Pläne erläutert habe. Vor allem deren Aufzeichnungen und Fotos hätten einen Weiterbau in seinem Sinne ermöglicht.
Architekt in der Sagrada Família begraben
Gaudí hatte die Bauleitung 1883 übernommen und 43 Jahre an dem Bauwerk gearbeitet. Am 7. Juni 1926 verließ er die Baustelle, auf der er zuletzt lebte, um in einer anderen Kirche zu beten. Auf dem Weg dorthin erfasste ihn eine Straßenbahn, er wurde schwer verletzt. Drei Tage später, am 10. Juni 1926, starb er an den Folgen des Unfalls. Zu diesem Zeitpunkt war erst ein kleinerer Teil der Kirche fertiggestellt. Sein Grab befindet sich in der Krypta der Sagrada Família, in der Kapelle der Virgen del Carmen. Der Papst legte dort einen Blumenkranz nieder.
Fertig ist die Kirche trotz der Turmweihe noch nicht. Es fehlt unter anderem noch der Haupteingang, die sogenannte Gloria-Fassade, die Gaudís Entwürfen zufolge das Jüngste Gericht, das Fegefeuer, die Hölle und die Herrlichkeit Jesu darstellen soll. Für den Zugang zu dieser Fassade sieht Gaudís Plan eine weitläufige Treppenanlage vor, die einen Höhenunterschied von fünf Metern zwischen zwei angrenzenden Straßen ausgleichen soll. Das Problem: An dieser Stelle stehen heute Wohngebäude, die dafür abgerissen werden müssten.
