Ein Wal als Projektionsfläche

Drama um Timmy in der Ostsee wird zum Theaterstoff


18.06.2026 – 16:57 UhrLesedauer: 2 Min.

Der Buckelwal Timmy in der Barge: Die Rettungsaktion machte das Tier bundesweit bekannt.

Der Buckelwal Timmy in der Barge: Die Rettungsaktion machte das Tier bundesweit bekannt. (Quelle: Philip Dulian/dpa)

Der Fall Timmy hat viele Menschen bewegt. Nun wird der Ostsee-Wal in Hamburg zum Theaterstoff. Für den Regisseur geht es längst nicht mehr nur um das Tier.

Der Ostsee-Wal Timmy kommt in Hamburg auf die Bühne. Am 11. Juli ist „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“ auf der Hauptbühne des Ernst Deutsch Theaters zu sehen. Der Abend soll nach Angaben von Regisseur Alexander Klessinger Performance, Konzert, Messe und öffentliche Selbstbefragung verbinden.

Zwischen Weihrauch, KI-Pop, dokumentarischen O-Tönen und Ritualen soll die Geschichte des Buckelwals als moderne Passionsgeschichte erzählt werden. Nach der Aufführung ist ein Gespräch mit Dr. Kirsten Tönnies zum Thema Tierwohl geplant. Die Tierärztin gehörte zum Team der privaten Rettungsinitiative. Anschließend wird die Band Tulpe den Song „Sprengt den Wal“ spielen.

Als die Debatte kippte

Die Idee zu dem Stück sei während der Debatte um Timmys Rettung entstanden, sagt Klessinger im Gespräch mit t-online. Fachleute hätten erklärt, dass das Stranden eines Wals zunächst ein natürlicher Vorgang sei und das Tier wahrscheinlich sterben werde. Doch in Teilen der Öffentlichkeit sei immer stärker gefordert worden, den Wal „um jeden Preis“ zu retten.

In diesem Moment sei Timmy zur „Projektionsfläche“ geworden, sagt Klessinger. „Jetzt ging es nämlich nicht mehr um den Wal.“ An dem Fall könne man „ganz viele gesellschaftliche Fragen ablesen“.

Streit über Politik und Fachwissen

Eine dieser Fragen betrifft die Rolle der Politik. Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus sei von Interview zu Interview emotionaler geworden, sagt der Regisseur. Er habe sich gefragt, „ob das wirklich seine Aufgabe als Politiker ist“.

Till Backhaus: Der Minister wurde nach Einschätzung von Regisseur Alexander Klessinger in der Timmy-Debatte zunehmend emotional. (Quelle: Jens Büttner/dpa)

Auch die Reaktionen in sozialen Netzwerken beschäftigen Klessinger. Ganz unterschiedliche Gruppen hätten sich plötzlich um das Thema geschart. Einige Menschen hätten wissenschaftliche Einschätzungen von Meeresbiologen infrage gestellt. Nachdem Fachleute ihre Einschätzung abgegeben hätten, sei plötzlich „eine Riesenwelle“ gekommen, die sagte: „Nö, ist nicht so.“

Das sei für ihn bezeichnend für eine Zeit, in der „Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend darum ringen müssen, überhaupt anerkannt zu werden“, so Klessinger. Auch unter den Ankündigungen zum Theaterabend gebe es weiter heftige Kommentare im Netz.

Warum gerade dieser Wal?

Klessinger interessiert dabei besonders ein Widerspruch: Viele Menschen hätten ihr Mitgefühl auf einen einzelnen Wal gerichtet. Anderes Tierleid bleibe dagegen abstrakt. Er nennt als Beispiel Menschen, die sich für die Rettung eines Wals einsetzen und gleichzeitig ein Fischbrötchen essen, ohne darin einen Widerspruch zu sehen.

Timmy in der Ostsee: Regisseur Alexander Klessinger spricht von einer „Projektionsfläche“. (Quelle: Marcus Golejewski/dpa)
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