Nacht für Nacht lässt Putin ukrainische Zivilisten bombardieren. Die Nato-Staaten setzen bei ihrem Gipfel ein klares Signal gegen den Kreml.

Florian Harms berichtet aus Ankara

Über der türkischen Hauptstadt Ankara steht gleißend die Sommersonne, die Staats- und Regierungschefs der 32 Nato-Staaten eilen durch klimatisierte Räume im Präsidentenpalast des Autokraten Recep Tayyip Erdoğan. Beim Jahrestreffen der mächtigsten Militärallianz der Welt geht es darum, Donald Trump zu bezirzen, damit der US-Präsident das Bündnis bloß nicht kurzerhand sprengt.

Zeitgleich suchen Bergungsteams 1.200 Kilometer nördlich in den Trümmern von Kiewer Wohnblöcken nach Überlebenden. In der dritten Nacht binnen einer Woche hat Russlands Armee die ukrainische Hauptstadt mit ballistischen Raketen angegriffen. Durchs Stadtzentrum zieht Brandgeruch, Bürgermeister Vitali Klitschko berichtet von mehreren Bränden in zwei Vierteln. Auch die ostukrainische Millionenmetropole Charkiw wurde wieder attackiert.

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Skrupellos terrorisiert Kremlchef Putin die ukrainische Zivilbevölkerung. Es wirkt wie Rache – und auch ein wenig verzweifelt. Seine maroden Bodentruppen stecken im Donbass fest, die ukrainischen Drohneneinheiten attackieren immer erfolgreicher russische Treibstofflager, in vielen russischen Städten wird bereits Benzin rationiert. Die westlichen Sanktionen setzen der russischen Wirtschaft zusätzlich zu; der seit vier Jahren tobende Angriffskrieg entwickelt sich immer offensichtlicher auch für Russland zum Desaster. Im Afghanistan-Feldzug zwischen 1979 und 1989 starben rund 15.000 sowjetische Soldaten. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 sind schon bis zu 450.000 russische Soldaten getötet worden. Hinzu kommen wohl eine Million Verletzte.

Ukraine entwickelt sich zu militärischer Regionalmacht

Die ganze Welt kann sehen, dass die selbst ernannte Großmacht Russland in der Klemme steckt und ihre Ziele nicht ansatzweise zu erreichen vermag. Abgesehen von der menschlichen Tragik, ist es auch ein militärisches Armutszeugnis. Umgekehrt beweisen die Ukrainer nicht nur bewundernswerte Resilienz, sie haben im Abwehrkampf auch beeindruckende militärische Fähigkeiten entwickelt.

Ihre Drohneneinheiten gelten mittlerweile als die besten weltweit; Verteidigungsexperten aus Europa und Arabien stehen Schlange, um sich die neuesten Modelle und Taktiken zeigen zu lassen. In Ankara hat Präsident Wolodymyr Selenskyj Drohnenabkommen mit Estland, den Niederlanden und Dänemark unterzeichnet. Weitere Verträge seien mit Deutschland, Norwegen, Finnland und Kanada geplant. Die Ukraine entwickelt sich zu einer militärischen Regionalmacht.

Friedrich Merz, Wolodymyr Selenskyj in Ankara: Der ukrainische Präsident drängt auf mehr Geld für Abwehrwaffen. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)
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