Jäger erklärte, wenn die Hamas wie vorgesehen nicht an einer Übergangsverwaltung in Gaza beteiligt werde, gebe es ein „sehr reales Risiko“, dass sie außerhalb Gazas ausgreife. Dies werde den arabischen Raum betreffen, „aber ganz sicher auch Europa“. Selen sagte, es gebe hier schon länger einen Rückzugsraum für die Hamas, aber zunehmend betrachte die Organisation Deutschland und Europa auch als Operationsraum, also einen Ort, wo sie auch Aktionen durchführen will.
Extremisten aller Art nutzten geschickt soziale Medien für sich, berichteten die Nachrichtendienst-Chefs. Gerade junge oder verunsicherte Menschen würden tief in extremistische Inhalte hineingezogen, zum Teil sogar 12- bis 14-Jährige, sagte Selen. Am Ende würden Menschen „mit diesen Narrativen geradezu beschossen“, sagte Selen. „Das heißt also, es gibt gar keine andere Erzählung neben der, die sie konsumieren.“
Die Algorithmen sorgten dafür, dass Nutzer ständig ähnliche Inhalte sähen. Radikalisierungsprozesse spielten sich in wenigen Wochen bis Monaten ab – vom Erstkontakt mit extremistischen Inhalten bis zum Tatentschluss „Kaufe dir ein Messer und gehe in eine Einkaufsstraße und töte Ungläubige.“
Das im Blick zu behalten sei sehr aufwendig, berichtete Selen. Zudem seien die Betreiber der Plattformen nicht immer kooperativ, wenn es darum gehe, reale Menschen hinter Nutzerprofilen zu identifizieren.
Am Anfang von Radikalisierungsprozessen könne man Menschen noch erreichen, beschrieb Selen, der auf die gemeinsame Kampagne mit dem Bundeskriminalamt „Kein Wegwerf-Agent werden“ verwies. Wenn sie von „Wegwerf-Agenten“ sprechen, meinen die deutschen Nachrichtendienste Menschen, die von meist russischen Geheimdiensten online rekrutiert werden, damit sie für geringe Geldbeträge hier Ausspäh-Aktionen, Sachbeschädigungen oder Brandstiftungen begehen.
Die Gegen-Kampagne versuche, beispielsweise Menschen zu erreichen, die eine kritische Haltung zum Ukraine-Konflikt hätten, sagte Selen. Sie sollten sensibilisiert werden, damit sie hellhörig werden, was mögliche Versuche der Kontaktaufnahme durch Russland etwa auf Telegram angeht. Erste Ergebnisse seien vielversprechend. „Derartige Kampagnen werden wir in Zukunft häufiger zur Anwendung bringen.“
Beim Umgang mit Desinformations-Kampagnen stünde man allerdings vor einem Dilemma, berichtete Selen. Einerseits wolle man Versuche der Einflussnahme transparent machen, andererseits drohe man damit die Inhalte erst recht weiterzuverbreiten.
Künstliche Intelligenz kann die Brisanz von Angriffen verschärfen, zum Beispiel durch sogenannte Deep Fakes – also sehr überzeugende Fälschungen – oder automatisierte Cyberangriffe, wie die Präsidentin des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), Martina Rosenberg, sagte. So könnte zum Beispiel gefälschte Anweisungen an militärische Einheiten verbreitet werden. Jäger sagte voraus: „Terrorgruppen wie Einzeltäter werden absehbar versuchen, Drohnen und Künstliche Intelligenz für sich zu nutzen.“
