Krankheit, Kündigung oder keine Lust: Es gibt viele Gründe, warum Menschen Bürgergeld beziehen. Das System soll nun reformiert werden – Betroffene zeigen sich davon unbeeindruckt.
CDU, CSU und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, das Bürgergeld durch eine neue „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ zu ersetzen. Nicht nur der Name ändert sich, es soll auch mehr Druck auf Arbeitslose ausgeübt werden: Jede Person, die arbeiten kann, soll sich zukünftig aktiv um Beschäftigung bemühen müssen. Wer das nicht tut, den soll das Jobcenter schneller und einfacher sanktionieren können – bis zum vollständigen Leistungsentzug.
Doch wie blicken Betroffene auf die angekündigten Änderungen? Dazu hat t-online mit mehreren Menschen gesprochen und ihre Geschichten protokolliert. Die Betroffenen sind der Redaktion von t-online bekannt, sie wollten aber nicht mit Namen genannt werden.
„Ich bin Rentnerin und stocke mit der Grundsicherung auf. Dafür muss ich die gleichen Anträge ausfüllen wie Arbeitslose für das Bürgergeld auch. Das sind jedes Mal die gleichen seitenlangen Formulare, die ich abhaken und postalisch an das Amt schicken muss. Öfter kommt dann alles noch einmal zu mir zurück, weil ich einen Haken vergessen habe. Anfangs ging das halbjährlich so, aber jetzt gelte ich als zuverlässig und muss nur noch jährlich Dokumente abhaken.
Ich bin schon seit zehn Jahren in Rente. Lange bin ich dabei ohne Grundsicherung ausgekommen. Die ersten Jahre habe ich noch in einem Minijob gearbeitet, aber dann hat sich die Firma aufgelöst. Außerdem habe ich nebenbei an der Börse mitgemischt und teilweise von morgens bis abends mit hochriskanten Optionsscheinen hantiert. Doch das ging schief. Ich hatte auf steigende Kurse gesetzt, als der Krieg in der Ukraine losbrach und die Kurse abstürzten. Zur gleichen Zeit kam noch eine Mieterhöhung rein und ich habe Panik bekommen, dass ich meinen Lebensunterhalt nicht mehr stemmen kann.
Deshalb habe ich mich vor drei Jahren durchgerungen und die Grundsicherung beantragt. Ich bin an eine gute Sachbearbeiterin geraten, die mir dabei geholfen hat. Anders als Bürgergeldempfänger muss ich nicht auf Arbeitssuche gehen. Dafür hat mir das Amt aber Druck gemacht, eine neue Wohnung zu finden, weil meine zu teuer sei. Aber ich lebe in München, da gibt es nichts Billigeres.
Es stört mich, wie über Menschen geredet wird, die staatliche Hilfe beziehen. Ich selbst habe das am Anfang für mich behalten und mit niemandem darüber geredet. Doch inzwischen habe ich meinem Umfeld davon erzählt. Denn mit Rente und Grundsicherung komme ich einigermaßen aus und muss keine Angst mehr um meinen Lebensunterhalt haben.“
„Ich bin derzeit so halb im Bürgergeld drin. Vor drei Monaten habe ich den Antrag gestellt und auch schon Stellenangebote bekommen – doch noch keine Leistungen. Ich habe gerade meinen Masterabschluss in VWL absolviert, doch nicht sofort den Sprung in die Arbeitswelt geschafft. Ich habe zwar ein Fach studiert, das mir danach viele Möglichkeiten eröffnet, aber die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist derzeit schwierig.
Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter war bislang sehr kompliziert und intransparent. Mir wird es schwer gemacht, diese Leistung zu beziehen, und es fühlt sich so an, als ob die Behörde mich ermüden will. Wenn ich Dokumente schicke, braucht das Jobcenter jedes Mal drei Wochen Bearbeitungszeit. Wenn ich anrufe, muss ich immer wieder aufs Neue meine Sachlage erläutern. Ich habe angegeben, dass ich mit meiner Freundin zusammenlebe. Daraufhin hat mir eine Sachbearbeiterin erklärt, sie müsse ihr Arbeitspensum erhöhen und für uns beide aufkommen, weil wir eine Bedarfsgemeinschaft seien. Das geht aber gar nicht, sie fängt bald ein neues Studium an. Ich will das Jobcenter nicht anlügen, aber ich hätte einfach verschweigen sollen, dass wir verpartnert sind.
