Erkenntnisse aus der Wissenschaft

Warum Rentner plötzlich kriminell werden


08.09.2025 – 12:08 UhrLesedauer: 3 Min.

Ladendiebstahl: Ein häufiges Phänomen einer demenzbedingten Veränderung des Gehirns. (Quelle: AndreyPopov/getty-images-bilder)

Wesensveränderungen bei Menschen mit Demenz gehören zum Krankheitsbild. Doch wie ist das zu erklären? Eine neue Studie gibt Auskunft.

Manche Menschen mit Demenz verhalten sich plötzlich aggressiv, unsozial oder sogar kriminell – und das ohne erkennbare Vorgeschichte. Warum das so ist, haben deutsche Forscher nun genauer untersucht.

Den Ausgangspunkt bildete eine Metaanalyse des Max-Planck-Instituts, die die Daten von über 230.000 Menschen aus fünf Ländern auswertete. Die Analyse zeigte, dass kriminelles Verhalten bei frontotemporaler Demenz bereits früh im Krankheitsverlauf auffällig häufig auftritt – deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung.

Eine Folgestudie des deutschen FTLD-Konsortiums (die sich der Erforschung der sogenannten frontotemporalen Lobärdegeneration widmet) zeigt nun: Kriminelles Verhalten geht meist auf eine frontotemporale Demenz zurück. Diese Demenzform beginnt meist sehr früh, meist schon zwischen 50 und 65 Jahren. Dann verändert sich das Gehirn. Besonders betroffen ist der Bereich auf der linken Seite, der sogenannte Schläfenlappen. Außerdem funktionieren wichtige Verbindungen zu anderen Gehirnregionen nicht mehr richtig.

Die Forscher verglichen MRT-Daten von 87 Patienten mit einer sogenannten bvFTD (behavioral variant frontotemporal dementia, zu Deutsch: Verhaltensvariante der frontotemporalen Demenz). Unter den Probanden waren 21, die bereits kriminelles Verhalten gezeigt hatten. Dazu zählten:

Alle Patienten waren Teil eines bundesweiten Demenzregisters. Eine gesunde Kontrollgruppe wurde ebenfalls berücksichtigt. Das Ergebnis: Kriminelles Verhalten trat deutlich häufiger bei Patienten auf, die in bestimmten Hirnregionen, vor allem im linken Temporallappen, einen Abbau der grauen Substanz zeigten. Gleichzeitig waren diese Patienten auffällig oft enthemmt, zeigten also impulsives und sozial unangemessenes Verhalten. Apathie war bei ihnen hingegen seltener.

Die auffälligsten Veränderungen fanden die Forscher im sogenannten linken Gyrus temporalis superior, einem Bereich, der für Sprachverarbeitung, Empathie und soziale Interaktion mitverantwortlich ist. Auch der Hippocampus und die Amygdala, beides Hirnareale, die für Emotionen und Impulskontrolle wichtig sind, waren betroffen.

Darüber hinaus zeigte sich: Die Verbindung zwischen diesen Regionen und dem präfrontalen Kortex (der Zentrale für die Informationsverarbeitung) war bei den auffälligen Patienten gestört. Diese Frontalbereiche gelten als Kontrollinstanz im Gehirn – hier werden Handlungen gehemmt oder geplant.

Laut den Autoren ist Disinhibition, also Enthemmung, der entscheidende Faktor: Wer stark enthemmt ist, verliert die Fähigkeit, Impulse zu unterdrücken oder sozial angemessen zu handeln. In der Studie zeigte sich dieser Zusammenhang nur bei den Patienten mit kriminellem Verhalten, nicht aber bei anderen bvFTD-Patienten.

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