Charité-Forscher berichten
Krebsmedikament kann weiteren Krebs auslösen
26.08.2025 – 10:49 UhrLesedauer: 2 Min.

Millionen Brustkrebspatientinnen verdanken Tamoxifen ihr Leben. Doch nun zeigt eine Studie: Das Medikament kann in seltenen Fällen eine weitere Krebsart auslösen.
Seit mehr als 50 Jahren rettet Tamoxifen das Leben von Patientinnen mit hormonabhängigem Brustkrebs. Es gilt als eines der wichtigsten Medikamente in der Krebsmedizin. Doch schon länger wissen Mediziner: Tamoxifen kann in seltenen Fällen Krebs in der Gebärmutter verursachen. Warum das passiert, blieb bisher unklar.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Kirsten Kübler vom Berlin Institute of Health in der Charité hat den Mechanismus jetzt entschlüsselt. Es fand heraus, dass Tamoxifen einen entscheidenden sogenannten Tumorsignalweg in der Gebärmutter direkt aktiviert.
Bei den untersuchten Gebärmutterkrebsfällen, die mit Tamoxifen in Verbindung standen, fehlten typische Mutationen im sogenannten PIK3CA-Gen, die bei spontan auftretendem Gebärmutterkrebs fast immer vorhanden sind. Diese Mutationen sorgen normalerweise dafür, dass ein zentraler Signalweg in den Zellen dauerhaft angeschaltet bleibt und das Tumorwachstum antreibt.
Doch bei den Patientinnen unter Tamoxifen war das nicht nötig. Das Medikament selbst übernahm diese Rolle und aktivierte den Signalweg ohne genetische Veränderungen. Das bedeutet: Tamoxifen wirkt in der Brust wie ein Blocker gegen das Krebswachstum, kann in der Gebärmutter aber genau das Gegenteil bewirken und die Bildung von Krebszellen beschleunigen.
Das Risiko für eine Frau, durch Tamoxifen Gebärmutterkrebs zu entwickeln, bleibt insgesamt sehr gering. Millionen Patientinnen profitieren weiterhin von der Behandlung, und der Nutzen des Medikaments überwiegt klar. Doch die Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht wurde, liefert erstmals eine biologische Erklärung für die bisher rätselhafte Nebenwirkung.
„Unsere Ergebnisse zeigen erstmals, dass die Aktivierung eines tumorfördernden Signalwegs durch ein Medikament möglich ist und eine molekulare Erklärung dafür liefert, wie ein sehr erfolgreiches Krebsmedikament paradoxerweise selbst Tumoren in einem anderen Gewebe begünstigen kann“, sagte Kübler laut Pressemitteilung.
Für betroffene Patientinnen eröffnet die Entdeckung neue Chancen. Ärzte könnten in Zukunft gezielter einschätzen, wer ein erhöhtes Risiko für Gebärmutterkrebs hat. Dadurch wären personalisierte Präventionsstrategien möglich, etwa engmaschigere Kontrollen während der Tamoxifen-Therapie oder alternative Behandlungskonzepte bei Risikopatientinnen.
Zugleich zeigt die Studie, dass die Forschung therapiebedingte Nebenwirkungen künftig stärker im Blick haben muss. Forscherin Kübler und ihr Team wollen deshalb prüfen, ob ähnliche Mechanismen auch bei anderen Medikamenten vorkommen. Das könnte das Verständnis von Nebenwirkungen grundlegend verändern.
