Studie warnt vor Milliardenkosten
Könnte die neue Rente der Wirtschaft schaden?
26.06.2026 – 15:48 UhrLesedauer: 3 Min.
Die geplante Kapitalrente soll die Rente langfristig stärken. Kurzfristig könnte sie laut einer Studie jedoch Milliarden an Wirtschaftsleistung kosten.
Die geplante gesetzliche Kapitalrente gilt als Herzstück der Rentenreform. Mit ihr soll die gesetzliche Rente künftig nicht mehr ausschließlich über die Beiträge der Beschäftigten finanziert werden. Stattdessen soll zusätzlich Geld in den Kapitalmarkt fließen, um langfristig höhere Erträge für die Altersvorsorge zu erzielen. Doch dieser Umbau könnte die deutsche Wirtschaft zunächst deutlich belasten.
Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die Bundesregierung hat angekündigt, die Empfehlungen der Rentenkommission vollständig umsetzen zu wollen.
Kapitalrente könnte 250.000 Jobs kosten
Nach den Vorschlägen der Rentenkommission sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ab 2028 schrittweise zusätzliche Beiträge für die neue Kapitalrente zahlen. Bis 2031 soll der Beitragssatz um insgesamt zwei Prozentpunkte steigen – jeweils zur Hälfte finanziert von Beschäftigten und Unternehmen. Das hat zwei offensichtliche Effekte: Den Haushalten bleibt weniger Netto vom Brutto und damit weniger Geld zum Ausgeben. Gleichzeitig steigen die Lohnnebenkosten für Unternehmen.
Laut IMK und WSI ist daher für die nächsten Jahre mit einem gedämpften Konsumwachstum zu rechnen. Gleichzeitig könnten nach den Berechnungen bis zu 250.000 Arbeitsplätze wegfallen. Besonders problematisch sei das, weil die deutsche Wirtschaft derzeit stärker als früher auf die Binnennachfrage angewiesen sei.
Nach Modellrechnungen der beiden Institute könnte die Reform bis Anfang der 2030er-Jahre rund ein Prozent Wirtschaftswachstum kosten. Das entspräche einer Wirtschaftsleistung von rund 45 Milliarden Euro.
Warum das Geld der Wirtschaft zunächst fehlt
Anders als die heutigen Rentenbeiträge fließen die zusätzlichen Beiträge zunächst nicht unmittelbar wieder als Rentenzahlungen in den Wirtschaftskreislauf zurück. Stattdessen werden sie über Jahrzehnte angespart und an den internationalen Kapitalmärkten investiert. Wie viel mehr Rente das langfristig bringen soll, lesen Sie hier.
Aber: „Ein Fonds am Aktienmarkt muss erst einmal mühsam aufgefüllt werden, bevor man Erträge auszahlen kann“, sagte IMK-Direktor Sebastian Dullien. „Der jetzt gewählte Weg bedeutet, dass in den kommenden Jahrzehnten Erwerbstätige zunächst doppelt bezahlen müssen – einmal für die Rente der Älteren und einmal zum Aufbau des Kapitalstocks.“
Nach Berechnungen der Wissenschaftler würde der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung dadurch bis 2032 von derzeit 18,6 Prozent auf rund 22 Prozent steigen. Ohne den Aufbau der Kapitalrente läge er nach ihren Berechnungen lediglich bei etwa 20,4 Prozent.
Auch Kommissionsmitglieder sehen kurzfristige Belastungen
Selbst Mitglieder der Rentenkommission teilen die Analyse. Die Volkswirtin Camille Logeay sagte dem „Handelsblatt“: „Wenn man die Kapitalrente möchte, ist genau das der Preis.“ Auch Kommissionsmitglied Peter Bofinger räumte in der Zeitung ein: „Wenn ich diesen Betrag nicht für die Nachfrage habe, hat das ganz klar dämpfende Effekte.“
Beide verteidigten dennoch den Gesamtkompromiss der Kommission. Die Reform sei das Ergebnis intensiver Verhandlungen gewesen und müsse als Gesamtpaket betrachtet werden.
