Strommarkt unter Druck
Hitzewelle legt deutsche Fehler gnadenlos offen
27.06.2026 – 15:03 UhrLesedauer: 4 Min.

Die Hitze macht ganz Europa zu schaffen. Davon ist auch das Stromsystem nicht ausgenommen: Die Hitzewelle legt dessen Schwachstellen gnadenlos offen.
Nicht nur die Europäer selbst, sondern auch ihre Energiesysteme sind in dieser Woche ins Schwitzen gekommen. Die Hitzewelle, die sich seit Tagen über den Kontinent breitmacht, legt die Schwachstellen eines Energiesystems offen, das für die neuen Wetterbedingungen nicht gerüstet ist. Aber in Deutschland ist das System besonders in den Fokus gerückt, da die Strompreise an der Börse nahezu auf Rekordhöhen stiegen – ein Zeichen dafür, dass Deutschland an einem zentralen Punkt der Energiewende geschlafen hat.
In ganz Europa fällt Energieinfrastruktur in der Hitze aus
In mehreren europäischen Ländern kam es zu Stromausfällen aufgrund der Hitze: Entweder, weil die Stromnachfrage sich so stark erhöht hat, dass sie nicht mehr gedeckt werden konnte, oder weil die Infrastruktur selbst, wie Kabel oder Umspannwerke, nicht für diese Hitze gerüstet ist. In Frankreich zum Beispiel waren 68.000 Haushalte aufgrund eines überhitzten Transformators zeitweise ohne Strom.
Die französischen Atomkraftwerke konnten 9,8 Prozent weniger Strom als üblich produzieren, da sieben Reaktoren vom Netz genommen werden mussten. Sonst wären die Temperaturen in den umliegenden Flüssen, in die das Kühlwasser der AKW eingeleitet wird, zu stark angestiegen. Sie könnten laut dem Fachportal „Montel News“ in der kommenden Woche zu ihrer gewohnten Leistung zurückkehren, wenn die Flusstemperaturen wieder sinken. Doch das könnte auch nur von kurzer Dauer sein: Wetterprognosen deuten schon auf die nächste Hitzewelle im Juli hin.
Auch in Großbritannien mussten Kraftwerke heruntergefahren werden: Wie die „Financial Times“ berichtet, haben fünf große Gaskraftwerke im Vereinigten Königreich ihre Leistung drosseln müssen, da sie zu überhitzen drohten.
Und auch anderswo ist die Lage kritisch: In mehreren italienischen Städten – Turin, Bergamo, Mailand – gab es schon vor einer Woche die ersten Stromausfälle. Medienberichten zufolge lag das an einer Kombination von erhöhter Stromnachfrage für Klimaanlagen und einer Überhitzung alter Stromkabel, die für die klimatischen Bedingungen im Jahr 2026 nicht mehr gerüstet sind.
Strompreise reagieren auf Ausnahmesituation
Dass es im Stromsystem zu starken Belastungen kommen könnte, war vor Beginn der Hitzewelle absehbar. Deshalb sprang auch eines der Frühwarnsysteme an: An der Strompreisbörse herrschte in dieser Woche Alarmstufe Rot. Am Mittwochabend kletterte der Strompreis in Deutschland abends auf rekordverdächtige 933 Euro pro Megawattstunde; in Belgien wurde der Allzeitrekord von 1.038 Euro/MWh geknackt. Ähnlich sah es auch in Dänemark, den Niederlanden und Großbritannien aus.
Hintergrund ist nicht nur die Hitze, die die Stromnachfrage vor allem für Kühlung antreibt, sondern auch der fehlende Wind. Experten sprechen deshalb von der „Hitzeflaute“: Bei solchen Temperaturen bewegt sich die Luft weniger, was sich auf die Windstromproduktion auswirkt. Tagsüber kann die hohe Stromnachfrage sehr gut von der Solarenergie abgedeckt werden. Abends, wenn die Sonne weg ist, gibt es aufgrund der Windflaute nur noch Kohle und Gas – und die sind eben teuer.