Kritiker sehen große Gefahr
Hamburg verschärft Regeln für obdachlose Menschen
16.10.2026 – 16:47 UhrLesedauer: 2 Min.
Ab dem 1. November kommen obdachlose Menschen im Winternotprogramm unter. Neu: Nach drei Nächten wird eine Sozialberatung Pflicht. Das löst Kritik aus.
Hamburg verschärft in diesem Jahr die Regeln für das Winternotprogramm. Wer dort Schutz vor der Kälte sucht, muss nach spätestens drei Übernachtungen an einer Sozialberatung teilnehmen. Das teilte die Sozialbehörde mit. Zudem wird diese Beratung künftig stärker mit einer Identitätsprüfung verbunden.
Hilfsorganisationen befürchten, dass dadurch noch mehr obdachlose Menschen auf der Straße bleiben – mit möglicherweise tödlichen Folgen. Auch aus der Politik kommt Kritik.
Winternotprogramm in Hamburg bietet 1.100 Schlafplätze
Das Winternotprogramm startet am 1. November 2026 und läuft bis zum 31. März 2027. In der Friesenstraße 22 stehen 400 Schlafplätze bereit, in der Châu-und-Lân-Straße 6 weitere 300. Die beiden städtischen Unterkünfte sind täglich ab 17 Uhr bis 9.30 Uhr am nächsten Morgen geöffnet.
Hinzu kommen rund 90 Plätze in Containern bei Kirchengemeinden und Hochschulen. Zusammen mit den ganzjährigen Notunterkünften Pik As und FrauenZimmer bietet Hamburg nach Angaben der Sozialbehörde rund 1.100 Übernachtungsplätze an. Die Nutzung ist kostenlos. Wer einen Schlafplatz benötigt, kann sich ab dem 1. November an die Unterkunft in der Friesenstraße wenden – dort wird entschieden, wo eine Unterbringung möglich ist.
Pflichtberatung für obdachlose Menschen
Die Sozialbehörde will mit der verpflichtenden Beratung nach eigener Auskunft erreichen, dass Sozialleistungsansprüche schneller geklärt werden und mehr Menschen dauerhaft von der Straße kommen. Auch Unterstützungsmöglichkeiten im Herkunftsland und eine freiwillige Rückkehr würden geprüft.
Doch die verschärften Regeln stoßen auf heftige Kritik. Jörn Sturm, Geschäftsführer des Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“, sagte, er befürchte, „dass die neuen Regeln noch mehr Menschen davon abhalten werden, das Winternotprogramm aufzusuchen“. Das könne zu mehr medizinischen Notfällen auf Hamburgs Straßen als in den Vorjahren führen.
Der Sozialverband Deutschland (SoVD) stellt grundsätzlich infrage, dass das Winternotprogramm überhaupt alle Menschen erreicht, die diese Hilfe benötigen. „Denn ein freies Bett ist noch keine Hilfe, wenn ein Mensch es nicht nutzen kann oder will“, sagte die Hamburger SoVD-Vorständin Sally Peters. Die Stadt müsse besser verstehen, warum Menschen draußen blieben, und passende Hilfsangebote schaffen.
Linke kritisiert autoritären Kurs
Auch die Linksfraktion greift den Senat an. Ihre sozialpolitische Sprecherin Olga Fritzsche wirft ihm einen autoritären Kurs vor. Die neuen Regeln drängten Menschen eher aus dem Hilfesystem, statt ihnen zu helfen. „In meinen Augen muss das Winternotprogramm den Menschen ein Mindestmaß an Schutz gewährleisten – ohne Einschränkungen“, sagte Fritzsche.
Wie gefährlich das Leben auf der Straße im Winter ist, zeigen Zahlen der Sozialbehörde: Allein zwischen Januar und März dieses Jahres starben mindestens 27 obdachlose Menschen in Hamburg, 18 davon bis Anfang Februar.