Felix Kalbe macht seit Jahren für die Grünen Kommunalpolitik in Gotha. Er beklagt, dass die Anfeindungen gegen ihn und seine Partei zuletzt deutlich zugenommen hätten. Ans Aufgeben denkt der 30-Jährige allerdings nicht.

Sie schreiben von einem „verzweifelten Hilfeschrei“: Der Grünen-Politiker Felix Kalbe hat mit seinem Parteikollegen Matthias Kaiser ein Schreiben an die Bundespartei geschickt. Und das hat es in sich. Die beiden Kommunalpolitiker aus dem thüringischen Gotha schildern darin Beschimpfungen und Angriffe, die sie als Grünen-Politiker im Alltag erleben. „Wir wissen nicht mehr weiter“, heißt es in dem Brief, über den zuerst der „Spiegel“ berichtete. Auch an Thüringens Innenminister Georg Maier haben sich die beiden gewandt.

Nicht nur in Thüringen, wo die Partei vergangenes Jahr aus dem Landtag ausschied, haben es die Grünen schwer. Die Partei ist im Osten Deutschlands traditionell schwächer als im Westen. Sie schneidet nicht nur bei Wahlen schlechter ab als im Westen, sie hat dort auch viel weniger Mitglieder. Mancherorts richtet sich gegen die Partei sogar eine regelrechte Wut. Was das im Alltag bedeuten kann, schildert Kommunalpolitiker Kalbe im Gespräch mit t-online.

t-online: Herr Kalbe, welche Anfeindungen erleben Sie bei Ihrer Arbeit in der Kommunalpolitik?

Felix Kalbe: Es ist normal, dass man an einem Infostand beispielsweise angespuckt wird. Es ist normal, dass man sich Beleidigungen an den Kopf werfen lässt. Im Wahlkampf haben wir auf offener Straße Morddrohungen erhalten. Beim Plakatieren hören wir Sätze wie: „Die Plakate hängen wir eh wieder ab, wir hängen euch aber auf.“ Wir haben regelmäßig irgendwelche Sticker und Briefe am grünen Büro kleben – anfangs war der Inhalt vielleicht noch zum Schmunzeln. Das ist mittlerweile eskaliert. Da kleben dann auch Ku-Klux-Klan-Sticker oder es heißt so was wie „Grüne an die Ostfront“.

Neulich hat jemand tagsüber mit einem Glasschneider eine Fensterscheibe des Büros zerstört. Auf einem Fenster stand drauf: „Volksverräter, tötet euch.“ Dann hat kurz danach bei einer Parteikollegin das Haus gebrannt: Da wurden zwei Mülltonnen angezündet, und das Feuer ist dann auf die Fassade übergesprungen. Und vor ungefähr zwei Wochen wurde ein Parteikollege auch tagsüber in der Innenstadt körperlich angegriffen. Dabei fielen Beleidigungen, bei denen man auch deutlich gemerkt hat, dass er als Grüner beleidigt wurde.

Denken Sie da nichts ans Aufgeben?

Mir liegt relativ viel an meiner Heimat. In Gotha bin ich aufgewachsen. Ich lebe hier total gerne. Und ich fände es schade, wenn man das alles zurücklassen müsste. Das ist vielleicht auch der große Pluspunkt einer Kleinstadt: Man kennt sich halt. Das ist das Wunderschöne. Ich fühle mich hier verwurzelt. Und ich habe hier viele Menschen, mit denen ich auch gut klarkomme und mit denen ich hier sehr, sehr gerne meine Zeit verbringe.

Ich will ungern hier weg und habe da eigentlich auch keine Lust drauf. Und deswegen geht es ja darum, für unsere Demokratie zu kämpfen. Und ich glaube tatsächlich, dass das hier Zustände sind, die unter Umständen auch in anderen Regionen irgendwann auftauchen könnten. Das heißt, es ist wahrscheinlich auch nur ein Weglaufen auf Zeit.

Sie engagieren sich ja nun schon eine Weile in der Kommunalpolitik. Wann ist das denn so gekippt?

Ich glaube, den generellen Punkt, an dem das gekippt ist, den gibt es so nicht. Es ist eher so, dass das ein Prozess war. Als wir vor sechs Jahren Kommunalwahlkampf gemacht haben, war das die Hochphase von Fridays for Future. Da gab es viel Umbruch, viele Prozesse auch in der Gesellschaft, die gedauert haben. Damals war aber ein Dialog möglich. Da gab es auch diejenigen, die nicht mit uns reden wollten. Okay, das ist immer so. Da gab es auch Leute, die einem am Wahlkampfstand gesagt haben, was ihre Probleme sind mit der Partei. Das ist völlig okay. Man muss ja auch nicht Grün wählen, aber ein Diskurs sollte halt irgendwie stattfinden.

Share.
Leave A Reply

Exit mobile version