Die Grünen erreichen in Sachsen-Anhalt ein Rekordergebnis. Doch der Triumph könnte schnell dahin sein: Denn es gibt einen Haken.

Die Bühne in der Parteizentrale der Grünen in Berlin ist so voll wie selten. Parteichefin Franziska Brantner, Co-Chef Felix Banaszak und die Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, Susan Sziborra-Seidlitz, treten dort am Montag nach der Landtagswahl vor die Presse. So weit, so erwartbar. Aber auch die beiden Spitzenkandidaten für die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, Werner Graf und Claudia Müller, sind gekommen. Sie wollen ein Stück vom grünen Erfolg in Sachsen-Anhalt abhaben.

Doch ob das gelingt, ist fraglich. Die Mienen sind ernst. Für die Grünen ist es ein bittersüßer Erfolg – denn er hat einen Makel.

Die Grünen haben bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 8,9 Prozent geholt. Es ist das beste Ergebnis für die Partei in dem Bundesland. Für die im Osten traditionell schwache Partei ist dieser Wert ein echter Triumph. Denn in Umfragen sah es lange so aus, als würden die Grünen rund um Sziborra-Seidlitz den Sprung in den Magdeburger Landtag gar nicht schaffen. Nun liegen sie sogar noch vor den Linken – ein Ergebnis, das vor einigen Wochen undenkbar erschien. Doch wer glaubt, dass die Partei, die vor zwei Jahren in Thüringen und Brandenburg aus den Landtagen geflogen ist, im Osten jetzt aufblüht, könnte sich täuschen.

Grün wählen – aus taktischen Gründen

Das liegt an den Verhältnissen in Sachsen-Anhalt und der Strategie der Grünen im Wahlkampf. Sziborra-Seidlitz hat die vergangenen Monate damit verbracht, den Menschen zu erklären, dass sie in Sachsen-Anhalt taktisch wählen müssen. Die Erzählung ging so: Die AfD kratzt in Sachsen-Anhalt an der absoluten Mehrheit. Das kann nur verhindert werden, indem möglichst viele Parteien in den Landtag einziehen. Nur mit den Grünen im Parlament, so die Spitzenkandidatin, kann es stabile Mehrheiten geben und eine Alleinregierung der AfD verhindert werden.

Auch die Parteispitze wiederholte diese Argumentation gebetsmühlenartig. Besonders überzeugend klang das anfangs aber auch für viele Grüne nicht. Denn, so die Befürchtung einiger: Mit einer Stimme lediglich etwas zu verhindern, ist nicht sonderlich mitreißend und noch dazu irgendwie kompliziert. Die Taktisch-Wählen-Strategie, sie wirkte wie ein verzweifelter Akt, um im Osten als Grüne überhaupt noch stattzufinden.

Doch Sziborra-Seidlitz sollte recht behalten: Anders als in anderen Bundesländern hat nicht die CDU am Ende in einem Zweikampf mit der AfD zugelegt und den Stimmen-Staubsauger angeworfen. Dazu war der Abstand zwischen CDU und AfD einfach zu groß. Stattdessen sind die kleinen Parteien, Grüne und SPD, überraschend stark geworden. Ein Blick auf die Wählerwanderung zeigt: Die Grünen konnten vor allem der CDU Stimmen abjagen und haben Nichtwähler mobilisiert.

Susan Sziborra-Seidlitz: Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigt sich nach dem starken Abschneiden der AfD besorgt. (Quelle: Christoph Soeder/dpa)
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