Darüber dachten die NS-Größen Hermann Göring und Joseph Goebbels aber ganz anders.

Karajan dachte, er wäre Subjekt seines eigenen Handelns im „Dritten Reich“. Das war allerdings völlig illusorisch. Er war eine Figur auf dem Schachbrett, ebenso wie sein Kollege Wilhelm Furtwängler. Furtwängler war Goebbels‘ Mann, Göring protegierte den jüngeren Karajan. Die beiden Nazi-Größen rivalisierten auch im kulturellen Bereich miteinander. Sowohl Karajan als auch Furtwängler war nicht bewusst, dass sie nur Schachfiguren waren, über denen ständig das Damoklesschwert schwebte.

Wie ging es mit Karajans Karriere weiter unter der Patronage Görings?

1937 bot sich Karajan die Chance, als Gastdirigent „Tristan und Isolde“ an der Wiener Staatsoper zu dirigieren, was wahrlich kein Provinzhaus ist. Die „zweite Geige“ wollte er in Wien nicht spielen, er hatte größere Pläne. Im April 1938 dirigierte Karajan die Berliner Philharmoniker, sein Aufstieg lag auch durchaus in Goebbels‘ Sinn. Denn er brauchte ein Gegengewicht zu Wilhelm Furtwängler in Berlin, damit der weiterhin willfährig blieb. Karajan schien also auf dem Weg nach ganz oben. Der Durchbruch erfolgte mit seinem „Tristan“-Dirigat in Berlins Staatsoper im Oktober 1938.

Bis Karajan vor Hitler höchstpersönlich dirigierte?

Ja, der Einbruch folgte am 2. Juni 1939. Die „Meistersinger von Nürnberg“ standen auf dem Programm, eine von Hitlers Lieblingsopern. Der Abend wurde zum Desaster, Karajan fiel bei Hitler persönlich in Ungnade. Besonders im zweiten Akt ging es wüst zu, wahrscheinlich hatte der Tenor Bockelmann etwas zu tief ins Glas geschaut. Aber für Hitler, einen selbst ernannten Musikexperten, war der Schuldige klar: Karajan. Dieser hatte mit geschlossenen Augen und ohne Partitur dirigiert, für Hitler war das ein Unding. Nie würde er wieder eine Oper oder ein Konzert besuchen, wenn Karajan daran beteiligt war.

Aber Karajans Vertrag mit der Staatsoper blieb bestehen?

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