Pflegeexpertin Christine Vogler

Pflegereform: „Die Folgen tragen die Familien“


25.06.2026 – 11:06 UhrLesedauer: 5 Min.

Bewohnerin eines Pflegeheims: Die geplante Reform der sozialen Pflegeversicherung droht vor allem die Familien der Pflegebedürftigen stärker zu belasten. (Quelle: IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON/imago)

Gesundheitsministerin Nina Warken setzt bei der Reform der Pflege den Rotstift an. Die Pflegeratsvorsitzende Christine Vogler warnt vor katastrophalen Folgen und sagt, was es wirklich braucht.

Insgesamt 210 Seiten stark ist der Gesetzentwurf zur Reform der Pflegeversicherung, mit dem Bundesgesundheitsministerin Nina Warken den Anstieg der Pflegekosten stoppen will. Den Preis dafür sollen in erster Linie die Pflegebedürftigen und deren Familien zahlen. Doch auch das Pflegepersonal, während der Corona-Pandemie noch beklatscht, soll finanziell wieder zurückstecken.

Christine Vogler warnt vor den Konsequenzen, sollte das Gesetz so umgesetzt werden. Die Diplom-Pflegepädagogin gilt als eine der zentralen Stimmen der professionellen Pflege in Deutschland. Statt kurzfristiger Sparmaßnahmen fordert sie ein klares Zukunftsbild von der Politik. Nur dann seien die Menschen auch bereit, Veränderungen mitzutragen.

t-online: Frau Vogler, stellen wir uns vor, die Pflegereform würde in ihrer jetzigen Form beschlossen. Können Pflegebedürftige und Pflegende jetzt beruhigter in die Zukunft blicken?

Christine Vogler: Nein. Wenn das Gesetz unverändert durchkommt, wäre das für viele Bereiche eine Katastrophe.

Muss es auch. Denn die Folgen für die Versorgung werden in dem Gesetzentwurf unterschätzt. Pflegebedürftige sollen später oder nur erschwert Leistungen erhalten, Angehörige stärker belastet werden – auch finanziell. Letztlich soll sich die Last stärker auf Familien und pflegende Angehörige verlagern. Das wäre für alle von Nachteil.

Der Entwurf sieht vor, die Einstufungskriterien für einen Pflegegrad zu überarbeiten. Was ist daran verkehrt zu hinterfragen, ob alle, die bislang einen Pflegegrad haben, ihn auch wirklich benötigen?

Höhere Einstiegskriterien machen die Menschen doch nicht weniger pflegebedürftig. Sie führen lediglich dazu, dass Betroffene später Leistungen erhalten. Die Menschen benötigen ja weiterhin Unterstützung, erhalten sie aber erst später. Die Folgen tragen zunächst die Familien und das soziale Umfeld.

Die Präsidentin des Deutschen Pflegerats Christine Vogler (Quelle: Christine Vogler)

Zur Person

Die gebürtige Stuttgarterin Christine Vogler studierte nach einer Ausbildung zur Krankenschwester Diplom-Pflegeökonomie. Seit 2020 ist sie Geschäftsführerin des Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe mit rund 2.600 Auszubildenden. Seit 2021 ist sie Vorsitzende des Deutschen Pflegerats und vertritt die Interessen der beruflichen Pflegenden gegenüber der Politik.

Weil sie sich dann mehr kümmern müssen. Gleichzeitig sollen Rentenansprüche für pflegende Angehörige eingeschränkt werden. Das passt nicht zusammen. Es ist bekannt, dass die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und die Versorgung nur gemeinsam mit Angehörigen gelingen kann. Daher müssen wir sie stärken. Stattdessen werden Unterstützungsleistungen reduziert.

Hinzu kommt: Wer noch keinen Pflegegrad hat, erhält häufig auch keine Beratung. Menschen geraten also in Pflegebedürftigkeit, ohne vom Pflegesystem ausreichend erfasst zu werden.

Wenn weniger Menschen als pflegebedürftig eingestuft werden, müsste sich aber zumindest die Lage in den Pflegeheimen verbessern, oder?

Nein. Pflegegrade lösen schließlich nicht nur Leistungen aus, sondern haben auch Auswirkungen auf die Personalbemessung in den Pflegeeinrichtungen. Wenn Menschen künftig erst mit einem höheren Unterstützungsbedarf in die Einrichtungen kommen, werden dort schwerer pflegebedürftige Menschen versorgt – mit der gleichen Personaldecke. Das erhöht den Arbeitsdruck erheblich.

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