Mehr als 60 Prozent der Deutschen fühlen sich zeitweise einsam. Warum Freundschaften zu den wichtigsten Gesundheitsfaktoren gehören und wie man auch im Erwachsenenalter neue Kontakte knüpft.
„Einsamkeit hat viele Namen“ – das war vor vielen Jahren einmal ein Club-Hit, ein „Disco“-Hit, hätte man früher gesagt. Inzwischen wissen wir es genauer. Der dort besungene Zustand betrifft mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung.
Einsamkeit schadet der Gesundheit
Einsamkeit wird als sozialer Stressfaktor empfunden. Manche Wissenschaftler führen das auf die Evolution zurück: In frühen Zeiten der Menschheit war es schier unmöglich, ohne enge Kontakte zu überleben. Mithin könnte das Gefühl der Einsamkeit ein Warnsignal unseres Körpers sein – die dringende Empfehlung, diesen Zustand gefälligst umgehend zu verändern. Wird Einsamkeit zur Belastung, steigt das Risiko für seelische Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen. Glaubt man Statistiken, ist die Einsamkeit auf dem besten Wege, eine Volkskrankheit zu werden. In manchen Städten gibt es deshalb schon Einsamkeitsbeauftragte.
In einem ist die Wissenschaft sich einig: Freundschaften und andere soziale Beziehungen haben eine große Bedeutung. Menschen, die in soziale Gefüge eingebunden sind, verlängern ihre Lebenszeit um bis zu 20 Prozent und sind gesünder. Umgekehrt beeinflussen Einsamkeit und Isolation nicht nur die Psyche, sondern auch den Körper; sie können etwa den Blutdruck hochtreiben. Sie hinterlassen biologische Spuren und lassen uns möglicherweise schneller altern. Nach einer Studie mit über 450 000 Teilnehmern kamen Forscher zu dem Schluss, dass das Risiko für eine Demenz bei sozial isolierten Personen um über ein Viertel ansteigt. Und auch das Immunsystem scheint schneller zu altern, was wiederum Infektionen oder Autoimmunkrankheiten begünstigen kann.
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Die Anzahl der Freunde ist nicht entscheidend
Viele, auch sehr nette Menschen, leben leider ohne den so wichtigen sozialen Anschluss. Und das in Zeiten von Tinder, Grinder, Badoo, Parship und Lavou. Es gibt Datingportale en masse, und doch sind auch viele junge Leute einsam. Das kostet Lebensjahre. Die gute Nachricht ist: Echte Herzens-Freundschaften können stabiler und komplikationsfreier sein als Liebesbeziehungen und Partnerschaften. Es muss also nicht zwingend Mr. oder Mrs. Right sein. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl, sondern die Tiefe der Beziehungen: Hildegard Knefs Ausspruch „Meine Freunde passen in eine Telefonzelle!“ bringt es auf den Punkt – für Leute, die noch wissen, was Telefonzellen waren (für die Jüngeren: Handys, in die man reingehen musste).
Wer sich nun nach Sozialkontakten umtun will, sollte unbedingt eines im Hinterkopf haben: Gelingende Freundschaften und Partnerschaften setzen immer auch eine Freundschaft mit sich selbst voraus. Denn man kann besser lieben und wird geliebt, wenn man auch sich selbst lieben kann. Ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein und innerem Lebensglück ermöglicht, das Geben und Nehmen in menschlichen Beziehungen zu praktizieren – Offenheit, Nähe, Interesse, Respekt, Augenhöhe und Wertschätzung.
