Wo muss in dem Fall angesetzt werden?

Tekkal: Es geht uns nicht darum, Kritik zu verbieten. Aber wenn aus Kritik digitale Lynchjustiz wird – mit einer Art digitalen Schutzgelderpressung nach dem Motto „Wenn du dich jetzt an die Seite dieser Frau stellst, bist du die nächste“ und Morddrohungen, die eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten, ist das keine Kritik mehr. Dann ist das ein Straftatbestand. Dafür brauchen wir Gesetze, die Täter bestrafen und nicht den Opfern den Rücken zukehren.

Sie haben kurz nach Bekanntwerden des Falls Collien Fernandes zusammen mit 250 Unterstützerinnen zehn Forderungen an die Politik gestellt. Damals erhielten Sie viel Zuspruch und Solidarität, das Thema war präsent. Nun ist es weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Wie bleibt ein solches Thema präsent?

Lunz: Unser Ziel war es anfangs, innerhalb von zwei Tagen vielleicht 100 prominente, meinungsstarke und reichweitenstarke Frauen zu mobilisieren. Am Ende wurden es mehr als 250, weil Wut und Ohnmacht so überwältigend waren. Deshalb haben wir an einem Nachmittag diese zehn Forderungen aufgeschrieben und bringen sie jetzt als Buch heraus. Es reicht nicht, eine wirksame Kampagne zu machen, die dann wieder verfliegt.

Tekkal: Es ist wichtig, dass wir als Frauenrechtsaktivistinnen unabhängig von Empörungswellen arbeiten. Wir erzählen die Geschichten, für die sich niemand interessiert und die verhindert werden sollen – vom Patriarchat, von Despoten und von Unrechtsregimen. Uns war wichtig, dass das kein Hype bleibt, bei dem man wegen eines Einzelschicksals Mitgefühl und Mitleid empfindet. Das ist wichtig und richtig, aber es reicht nicht.

(Quelle: Stevy Hochkeppel)

Zur Person

Kristina Lunz ist Autorin und Frauenrechtsaktivistin. Sie gründete 2018 das gemeinnützige Centre for Feminist Foreign Policy und leitete es acht Jahre lang. Zudem arbeitete sie für die Vereinten Nationen und war Beraterin im Auswärtigen Amt. Sie schrieb bereits mehrere Bücher, darunter „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“ und „Empathie und Widerstand“.

Tekkal: Wir müssen zeigen: Der Fall Collien Fernandes ist kein Einzelfall. Das ist strukturell und institutionell. Deshalb war es uns wichtig, ein Buch darüber zu schreiben. Wir hätten uns gewünscht, es nicht schreiben zu müssen. Mich schockiert, wie Frauenhass um sich greift und dass immer mehr kluge, tolle, ambitionierte Frauen anfangen zu schweigen.

Lunz: Ich möchte die Person erleben, die nach diesem Buch noch kluge Argumente dafür hat, warum wir kein „Ja heißt Ja“, keine Kriminalisierung von sexualisierten Deepfakes und keinen eigenen Straftatbestand „Femizid“ brauchen. Die Gegenargumente sind in unseren Augen nicht valide.

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