China-Spionage
Mit falschen Identitäten an deutsches Forschungswissen
02.11.2026 – 11:24 UhrLesedauer: 3 Min.
Immer wieder gerät deutsche Wissenschaft ins Visier chinesischer Nachrichtendienste. Mehrere Festnahmen und mutmaßliche Spionagefälle zeigen, wie groß das Interesse an deutscher Forschung ist.
Ausgerechnet ein Forschungszentrum für Informationssicherheit weist erhebliche Sicherheitsmängel auf: Das CISPA Helmholtz-Zentrum in Saarbrücken musste sich in diesem Sommer einer unabhängigen Sonderprüfung stellen. Hintergrund waren Vorwürfe, wonach sensibles Forschungswissen im Zuge von Forschungskooperationen nach China gelangt sein könnte. Die Untersuchung offenbarte erhebliche Mängel bei den Sicherheitsvorkehrungen des Forschungszentrums.
Ob tatsächlich Wissen nach China abgeflossen ist, konnte allerdings nicht abschließend geklärt werden. Konsequenzen gab es dennoch: CISPA-Gründungsdirektor Michael Backes hat das Forschungszentrum inzwischen verlassen. Zudem soll der Prüfbericht teilweise öffentlich zugänglich gemacht werden.
Der Fall steht beispielhaft für ein grundlegendes Problem der deutschen Forschungslandschaft: Ihre internationale Offenheit macht sie wissenschaftlich erfolgreich, erschwert aber zugleich den Schutz sensibler Erkenntnisse. Sicherheitsbehörden warnen bereits seit Jahren insbesondere vor dem Interesse chinesischer Nachrichtendienste an deutscher Hochtechnologie.
Spione kommen nicht immer als Spione
Wie solche mutmaßlichen Spionageversuche aussehen können, zeigt sich nicht nur an möglichen Wissensabflüssen durch internationale Zusammenarbeit. Auch gezielte Kontaktanbahnungen zu Wissenschaftlern beschäftigen die Sicherheitsbehörden. Im Frühjahr 2026 wurde in Deutschland ein Ehepaar festgenommen, das im Auftrag eines chinesischen Geheimdienstes Forschungskontakte aufgebaut haben soll.
Im Fokus standen vorwiegend strategisch relevante Bereiche wie Luft- und Raumfahrttechnik, Informatik und Künstliche Intelligenz. Dabei gingen die Beschuldigten offenbar geschickt vor. Gegenüber den Forschern sollen sie sich als Dolmetscher oder Mitarbeiter eines Automobilherstellers ausgegeben haben. Mutmaßlich lockten sie einige Wissenschaftler mit dem Angebot, gegen Honorar Vorträge in China zu halten.
Was zunächst wie eine gewöhnliche wissenschaftliche Einladung wirkte, soll sich vor Ort als etwas anderes herausgestellt haben: Statt vor einem zivilen Publikum sprachen die Forscher wohl vor Vertretern staatlicher chinesischer Rüstungsunternehmen.
Der Fall zeigt, dass mutmaßliche Spionageoperationen auf den ersten Blick nicht immer nach klassischer Geheimdienstarbeit aussehen. Statt gestohlener Dokumente oder geheimer Treffen stehen zunächst Einladungen, Vorträge und persönliche Kontakte im Mittelpunkt. Gerade an Hochschulen, an denen internationaler Austausch zum Alltag gehört, können solche Anbahnungen unauffällig bleiben. Chinesische Nachrichtendienste setzen nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden deshalb nicht nur auf klassische Spionage, sondern versuchen auch, über wissenschaftliche Kooperationen und persönliche Beziehungen an wertvolles Wissen zu gelangen.
Wissen als strategischer Vorteil
Für China ist der Zugang zu deutscher Forschung aus mehreren Gründen attraktiv. Deutschland verfügt über eine starke industrielle und wissenschaftliche Basis, insbesondere in Bereichen wie Maschinenbau, Robotik und Künstlicher Intelligenz. Viele der entwickelten Technologien lassen sich nicht nur zivil, sondern auch militärisch einsetzen.
Der Zugang zu entsprechenden Forschungsergebnissen kann China daher helfen, eigene technologische Entwicklungen zu beschleunigen und seine Position im internationalen Wettbewerb zu stärken. So kommt es vor, dass eine deutsche Universität ein Patent anmelden möchte, dieses aber kurz zuvor bereits in China registriert wurde. In solchen Fällen können auch Verbindungen zu chinesischen Gastwissenschaftlern und Cyberangriffen hergestellt werden, sagte Luca Manns, Geschäftsführer der Forschungsstelle Nachrichtendienste der Universität zu Köln, dem Sender Euronews.