Nach dem Tod einer Hamburger Familie in Istanbul kommen immer mehr Fälle ans Licht. Wie gefährlich sind türkische Hotels? Und können sich Urlauber schützen?
Nachdem Mitte November eine vierköpfige Familie aus Hamburg in Istanbul an einer Vergiftung starb, werden immer mehr ähnliche Fälle bekannt. Die Gemeinsamkeit: Gesunde Menschen erkranken plötzlich so heftig, dass Ärzte sie nicht mehr retten können.
Öffentlich wurde immer zuerst über Lebensmittelvergiftungen spekuliert. Doch der wahre Killer scheint ein anderer zu sein: In den Fokus rückt unsachgemäßer Umgang mit Pestiziden. Die wichtigsten Fragen und Antworten:
Je nach Substanzgruppe schädigen Pestizide Körperzellen und damit Organe auf unterschiedliche Art. Im Fall der vierköpfigen Familie aus Hamburg soll zur Bekämpfung von Bettwanzen Aluminiumphosphid in einem anderen Zimmer ausgebracht und durch die Belüftung im Bad ins Zimmer der Familie gelangt sein. Im Gespräch mit t-online erklärt der Darmstädter Lungenfacharzt Cihan Çelik, Aluminiumphosphid reagiere schon im Kontakt mit Luftfeuchtigkeit und werde zu dem hochgiftigen Gas Phosphin: „Atmet man es ein oder kommt das Gas mit dem Körper in Kontakt, greift es die Körperzellen an“, erklärt der Experte. Die Folge: Die Energieversorgung der Zellen bricht zusammen.
Der Pestizid-Experte Lars Neumeister betont, dass es bei Phosphin keine wirksame Behandlungsmöglichkeit gibt. 70 bis 100 Prozent aller Vergiftungsfälle würden tödlich enden. Neumeister fordert daher: „Solche Pestizide dürften in keinem Land zugelassen werden.“
Zunächst zeigen sich dem Pneumologen Çelik zufolge leichtere Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Erbrechen, brennende Augen oder Atemwegsbeschwerden. Dann werde es schnell schlimmer: „Je nach Höhe der Konzentration wird eine Kaskade in Gang gesetzt, die zu schwerem Multiorganversagen und zum Tod führen kann.“ Mitunter trete der Tod innerhalb von Minuten bis Stunden ein.
Eine Pestizidvergiftung unterscheidet sich laut Çelik erheblich von einer Lebensmittelvergiftung. „Das klinische Bild ist ein ganz anderes“, sagt er.
Lediglich bei frühen Symptomen gibt es demnach einige Übereinstimmungen, das Gesamtbild unterscheide sich jedoch deutlich. Typisch für Lebensmittelvergiftungen sind dem Arzt zufolge Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Bauchkrämpfe, später könne Fieber dazukommen. „Selbst bei schwersten Lebensmittelvergiftungen kommt es nicht zu einem solch abrupten Kreislaufkollaps, zu einer Übersäuerung des Körpers, zu einem Schaden am Herzmuskel“, erläutert der Arzt. „Schon gar nicht innerhalb weniger Stunden.“
