Dabei gibt es ja tatsächlich enorme Krisen: Krieg in der Ukraine, Krieg in Nahost, steigende Energiepreise, Insolvenzen.

Natürlich, die Zeit des sozialen Friedens ist vorbei. Jeden Tag liest du von neuen Pleiten, Werksschließungen oder Entlassungen. Viele Unternehmen kämpfen ums Überleben. Und wenn ein Hersteller sagt, der Umsatz sei um 50 Prozent eingebrochen, dann ist das ein massives Alarmsignal. Ich bin auch für die Lufthansa tätig. Da erlebt man teilweise absurde Situationen. Bei der Hundertjahrfeier wird draußen gestreikt, während drinnen über die Zukunft gesprochen wird. Da denke ich manchmal: Den Blick aufs große Ganze haben wir verloren.

Sie sprechen häufig über den Mittelstand. Warum?

Weil er Deutschland groß gemacht hat. Diese Unternehmen haben über Jahrzehnte Arbeitsplätze geschaffen, Innovationen vorangebracht und das Land getragen. Und genau diese Betriebe stehen heute massiv unter Druck: hohe Energiepreise, hohe Personalkosten, Unsicherheit, Bürokratie. Viele kämpfen inzwischen ums Überleben. Da wird oft unterschätzt, wie ernst die Lage wirklich ist.

Viele Gastronomen klagen über Nachwuchsprobleme. Wie ernst ist die Lage?

Sehr ernst. Ich unterstütze viele junge Talente. Zum Beispiel eine junge Frau aus Österreich, hochbegabt, die eine Ausbildung in Hamburg machen wollte – in einem absoluten Spitzenbetrieb. Dann schaut man sich die nackten Zahlen an: 800 Euro Ausbildungsgehalt, aber 1.000 Euro Miete. Wie soll das funktionieren? Genau diese Diskrepanz ist das Problem.



Viele Betriebe kämpfen ums Überleben. Da wird oft unterschätzt, wie ernst die Lage wirklich ist.


Johann Lafer


Was müsste sich ändern?

Wir brauchen mehr Unterstützung für junge Menschen, die etwas können. Das kann eine Akademie sein, ein Fonds oder irgendeine andere Form von Förderung. Entscheidend ist: Diese Leute brauchen eine Basis, auf der sie sich entwickeln können. Ich versuche selbst, junge Talente zu unterstützen, aber ich kann ja nicht hundert Menschen finanzieren. Deshalb braucht es Strukturen, die solchen jungen Leuten wirklich eine Chance geben. Wir brauchen mehr Unterstützung für junge Menschen, die etwas können. Doch da braucht es auch einen mentalen Wandel.

Es gibt in Deutschland ein Problem: Wenn einer über die Grasnarbe hinausschaut, wird er oft sofort abrasiert. Das ist ein brutaler Fehler. In Amerika macht man das anders. Da stellt man solche Leute auf die Leuchtsäule, damit andere zu ihnen aufschauen können. Wir brauchen Opinion Leader, Figuren, Vorbilder. Ich habe früher immer gesagt, wenn ich meine Betriebe ausgesucht habe: Ich kann nur von dem sehr Guten gut werden. Ich kann nicht von dem Guten sehr gut werden. Das ist wie bei Tomatensuppe.

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