Christian Lindner bei „Maischberger“
„Frage mich, warum Merz nicht starke Führung zeigt“
Aktualisiert am 20.11.2025 – 02:05 UhrLesedauer: 4 Min.
Christian Lindner blickt bei „Maischberger“ auf seine Polit-Karriere zurück. Juso-Chef Philipp Türmer und Tübingens OB Boris Palmer diskutieren leidenschaftlich.
Bei „Maischberger“ trafen am Mittwochabend zunächst zwei politische Gegensätze aufeinander. Boris Palmer, parteiloser Oberbürgermeister von Tübingen, und Philipp Türmer, Chef der Jusos, diskutierten kontrovers über Sozialleistungen, Rente, Migration und den Umgang mit der AfD.
- Christian Lindner, ehemaliger Bundesfinanzminister (FDP)
- Boris Palmer, parteiloser Oberbürgermeister von Tübingen
- Philipp Türmer, Vorsitzender der Jusos
- Sabine Kipfelsberger, Journalistin
- Markus Preiß, ARD-Studioleiter Brüssel
- Ulrich Mangold, Philosoph und Publizist
Beim Thema Bürgergeld warf Türmer der Bundesregierung vor, mit den geplanten Sanktionen Menschen in die Wohnungslosigkeit zu treiben. Wer künftig etwa einen Brief nicht öffne, könne alle Leistungen verlieren, „einschließlich der Miete“. Das sei mit einem Sozialstaat nicht vereinbar. Stattdessen brauche es einen gewissen Mindeststandard, der immer gewährleistet sein müsse. Palmer widersprach entschieden.
Es sei ein „Popanz“, zu behaupten, Menschen würden massenhaft grundlos sanktioniert. Das unterstelle, so Palmer, „dass wir in den Behörden mitleidlose, unbarmherzige Trottel haben“. Dies sei jedoch schlicht falsch. Angesichts einer Industrie- und Finanzkrise historischen Ausmaßes brauche es jedoch Ausgabendisziplin.
Beim Thema Rente prallten die Vorstellungen erneut aufeinander. Türmer forderte eine grundlegende Reform, bei der auch Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, und das unterstützt vom Sachverständigenrat. Palmer konterte mit scharfer Ablehnung: Das sei „Politik gegen Mathematik“. Der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor beginne gerade erst zu wirken, man lege aber „den Deckel“ drauf. „Das ist nicht generationengerecht, das ist ein Fehler“, sagte Palmer.
Auch beim Thema Migration wurden die Gegensätze deutlich. Türmer warnte vor einer pauschalen Stigmatisierung Geflüchteter. Er wolle Ursachen bekämpfen, „nicht Menschen verteufeln“. Kriminalität entstehe oft aus Armut, Perspektivlosigkeit, sozialer Ungleichheit.
Palmer widersprach vehement und warnte vor Realitätsverweigerung. „Manche Leute leugnen den Klimawandel, manche den demografischen Wandel, andere leugnen die Realität von Gewalt“, sagte er. In der polizeilichen Kriminalstatistik sei bei bestimmten Gruppen eine massive Überrepräsentation dokumentiert. Türmer warf ihm vor, Ursache und Wirkung zu verwechseln: „Dieser Zusammenhang, den Sie da herstellen: mehr Migration gleich mehr Kriminalität, der ist falsch.“ Palmer nannte diese Kritik einen „billigen Taschenspielertrick“.
In der Frage eines möglichen AfD-Verbots fanden die beiden kurzzeitig einen gemeinsamen Nenner, zumindest in der Ernsthaftigkeit des Problems. Türmer sprach sich klar für ein Parteiverbot aus: „Man darf sie nicht in Regierungsverantwortung lassen und aus guten Gründen gibt es in unserer Verfassung ein Mittel gegen Parteien, die die Demokratie von innen heraus abschaffen wollen.“ Palmer warnte zwar vor einem Scheitern vor Gericht, sagte aber: „Machen Sie es jetzt bitte. Dann klären wir wenigstens, ob der Weg eines Verbots überhaupt gangbar ist.“
Vor dem Einzelgespräch mit Christian Lindner diskutierten die Panelgäste über den Zustand Deutschlands und sprachen über Friedrich Merz’ umstrittene Äußerungen zur brasilianischen Stadt Belém. Merz hatte sich nach seinem Besuch bei der Klimakonferenz in Belém auf einem Handelskongress in Berlin zu seinen Eindrücken von der armen Millionenstadt am Amazonas geäußert. „Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben“, sagte er. Die Journalistin Sabine Kipfelsberger nannte Merz’ Aussage „wahnsinnig peinlich“ und „eine Art koloniale Arroganz“.
