Der Geruch soll widerwärtig sein: Er wabert über den Main, die Menschen fliehen vor ihm in ihre Häuser oder ziehen sich Masken über. So geht es seit Monaten – ein Verursacher ist immer noch nicht gefunden.
Den Bürgern von Seligenstadt und Karlstein stinkt es gewaltig. Und das im Wortsinn: Seit rund zwei Jahren zieht in unregelmäßigen Abständen ein nur schwer zu definierender Geruch in den Orten am Main auf. Manchmal tags, manchmal nachts, manchmal auch lange wieder gar nicht.
„Die einen sagen, es stinkt nach Gülle, für andere dominiert der Geruch nach Schwefel oder verbranntem Gummi“, erklärt Carola Birkholz, Sprecherin der Gemeinde Karlstein in Unterfranken, t-online. Je nach Wind nehme die Intensität zu oder ab. Viele hätten auch noch nie etwas wahrgenommen, so zum Beispiel sie selbst. „Aber nur ein Stückchen weiter von dort, wo ich wohne, riechen es die Menschen deutlich.“
Im September 2024 veröffentlichte die 7.590-Einwohner-Gemeinde Karlstein einen ersten Aufruf an die Bürger, nachdem seit Monaten Beschwerden eingegangen waren, aber nie ein Verursacher festgestellt werden konnte. Die Betroffenen sollten Geruchsprotokolle anfertigen, hieß es. Die Untere Immissionsschutzbehörde Aschaffenburg werde diese dann unter der Berücksichtigung von Windstärke und -richtung auswerten. Wenn alle Daten miteinander verknüpft würden, so lautete die Hoffnung, werde man die Quelle des Gestanks schon ausfindig machen können.
Doch bis heute konnte weder im hessischen Seligenstadt noch in Karlstein auf der bayerischen Mainseite die Ursache für den Gestank gefunden werden. Im Juli 2025 teilte die Gemeinde Karlstein mit: Proben im Kanal, am Boden und in der Luft seien genommen worden. Die Feuerwehr habe die Geruchsursache grob im Bereich der Industrieflächen Karlstein lokalisiert. „Dennoch tritt der üble Geruch nach wie vor auf.“
„Es ist ein bisschen niederschmetternd“, sagt Rathaus-Sprecherin Birkholz. „Wir kommen kein Stück weiter.“ Ein paar Monate sei zuletzt Ruhe gewesen. Es habe schon die leise Hoffnung bestanden, dass sich das Problem von allein erledigt haben könnte. Aber dann sei der Gestank auf einmal wieder da gewesen.
Anwohner berichteten dem Bayerischen Rundfunk, sie hätten „nicht das Gefühl, dass da was passiert“. Die Betreiberin eines Fitnessstudios erzählte: „Man will die Fenster aufmachen und dann: Oh Gott – was riecht denn hier schon wieder?“ Ein anderer Anwohner sagte, er habe schon mit Schal oder Maske über Mund und Nase im Garten gesessen und manche Grillabende komplett abbrechen müssen.
Auch die Feuerwehr ist ratlos. Inzwischen ist sie allein auf Karlsteiner Seite rund 15 Mal ausgerückt, um dem Gestank auf die Spur zu kommen. Sie betrat Firmengelände, sie fuhr ihre Drehleiter aus, um hoch in der Luft zu messen, sie suchte in Kellerräumen.
Vergebens. „Alles, was wir mal im Verdacht hatten, ist abgecheckt“, erklärt Gemeinde-Sprecherin Birkholz. Die Feuerwehreinsätze würden viel Zeit kosten und Kräfte binden. Bereits im Sommer habe die Gemeinde die Bürger daher darum bitten müssen, die Feuerwehr nicht mehr wegen des rätselhaften Gestanks zu rufen. „Es ist deprimierend, besonders für die betroffenen Menschen“, sagt Birkholz. Aber es bleibe wohl nichts anderes übrig, als weiter Geruchsprotokolle anzufertigen – damit die Datensammlung vielleicht doch irgendwann einmal zum Verursacher führt.
