„Verlorene Freunde“ von Donald Windham

Empfohlen von Philipp Heinemann, Leiter der Ratgeberredaktion.

Es liest sich wie ein großer, amerikanischer Gesellschaftsroman, und doch ist „Verlorene Freunde“ von Donald Windham eigentlich ein Erinnerungsbuch. Wir begegnen den wohl schillerndsten Figuren der amerikanischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts: dem Dramatiker Tennessee Williams („Endstation Sehnsucht“), dem Schriftsteller Truman Capote („Kaltblütig“), aber auch zahlreichen anderen Künstlern, Intellektuellen und Weggefährten wie D.H. Lawrence, Tania Blixen oder André Gide.

Aus persönlichen Begegnungen und gemeinsamen Jahren entsteht ein lebendiges Panorama des literarischen Amerika, erzählt mit einem Gespür für Szene, Atmosphäre und Charakter, das den Leser von der ersten Seite an fesselt. Besonders beeindruckend ist Windhams schonungsloser Blick. Er verschweigt weder die Exzentrik Tennessee Williams’ noch die Eitelkeiten, Unsicherheiten und Selbstzerstörungstendenzen, die Truman Capote zunehmend prägten. Und auch nicht die Bosheiten, zu denen beide im Laufe ihrer zunehmenden Ruhm- und Alkoholsucht imstande waren.

Die Erinnerungen sind frei von Nostalgie und Heldenverehrung. Windham beschreibt Menschen, wie er sie erlebt hat – brillant, verletzlich, manchmal schwierig und oft widersprüchlich. Gerade diese Ehrlichkeit macht die Porträts so glaubwürdig, oft witzig und noch häufiger tragisch.

Doch so offen Windham auch schreibt, seine Beobachtungen sind niemals bösartig. Hinter jeder kritischen Bemerkung steht ein tiefes Verständnis für die Zerbrechlichkeit seiner Freunde. Selbst wenn Freundschaften scheitern oder Enttäuschungen sichtbar werden, bleibt sein Ton respektvoll und menschlich. So ist „Verlorene Freunde“ weit mehr als eine Sammlung von Erinnerungen. Es ist ein faszinierendes Zeitdokument über Ruhm, Freundschaft und die oft tragischen Schicksale großer Künstler.

„Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ von Saša Stanišić

Empfohlen von Susanne Litzka, Lektorin.

Wie wäre es, wenn wir wichtige Lebensentscheidungen vorab testen könnten? In einem Proberaum fürs Leben: kurz rein, 10 Minuten aus der Zukunft ausprobieren, bei Gefallen bezahlen und einloggen? In Saša Stanišićs wunderbarem Erzählband mit diesem aberwitzig langen Titel ziehen sich Entscheidungen quer durch das Buch – solche, die wir getroffen haben, solche, bei denen wir zu zögerlich waren, und solche, die wir dringend noch treffen sollten.

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