Sekunden der Zerstörung
Erst bebte die Erde, dann kam die Flut
Aktualisiert am 22.06.2026Lesedauer: 3 Min.
Erst verstummten die Ratten. Dann erschütterten drei Erdstöße Süditalien. Was Helfer nach dem Beben von Messina vorfanden, ließ sie nicht mehr los.
Am Morgen des 28. Dezember 1908 erschütterte eine der schwersten Naturkatastrophen Europas die Straße von Messina. Um 5.20 Uhr gab es innerhalb weniger Sekunden drei starke Erdstöße in der Meerenge zwischen Sizilien und dem italienischen Festland. Messina, Reggio Calabria und zahlreiche weitere Orte wurden verwüstet. Schätzungen zufolge stearben zwischen 50.000 und 110.000 Menschen.
Dabei hatte es schon vor dem Beben Hinweise gegeben, an die sich Überlebende später erinnerten. Der deutsche Arzt Wilhelm Meyer und der Schriftsteller Maxim Gorki sammelten nach der Katastrophe Berichte von Überlebenden. Darin schilderte die Familie de Angelis eine merkwürdige Beobachtung.
Das Geräusch der Ratten, das in ihrem Haus am Meer sonst regelmäßig zu hören gewesen sei, habe nachgelassen. Am Tag vor der Katastrophe sei es schließlich „mäuschenstill“ geworden. Wenige Stunden später lag die Region in Trümmern.
Häuser stürzten ein, Straßen verschwanden unter Schutt
Die Erdstöße erreichten nach späteren Berechnungen eine Stärke von bis zu 7,5. In Messina stürzten rund 90 Prozent der Gebäude ein. Trümmer bedeckten die Straßen stellenweise mehrere Meter hoch.
Maxim Gorki reiste kurz nach der Katastrophe von seinem damaligen Wohnort Capri nach Messina. Die Menschen hätten versucht, in der Dunkelheit Licht zu machen, Angehörige zu finden und aus den Häusern zu fliehen, schrieb er in seinen Aufzeichnungen.
„Die Erde dröhnte und ächzte dumpf, sie krümmte und bog sich unter den Füßen und bildete tiefe Spalten“, hielt Gorki fest. Das Weinen von Kindern, Angstschreie und das Stöhnen der Verletzten hätten die Erdstöße begleitet.
Dann traf die Flutwelle die Küste
Auf das Erdbeben folgte eine weitere Katastrophe. Eine gewaltige Flutwelle raste durch den Stretto von Messina. Je nach Ort erreichte sie Höhen von sechs bis zwölf Metern.
Lange ist unklar geblieben, warum der Tsunami eine solche Wucht entwickelte. Der Geophysiker Rainer Kind vom Geoforschungszentrum Potsdam verwies auf Forschungen, nach denen das Erdbeben eine unterseeische Hangrutschung ausgelöst habe. Diese habe den Tsunami verursacht.
„Die Brunnen waren durch Tausende Leichen verpestet“
Als die ersten Helfer die zerstörten Städte erreichten, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens. Zu ihnen gehörte der schwedische Arzt Axel Munthe. Er beschrieb die Lage in Messina später mit drastischen Worten. „Da der Aquädukt eingestürzt war, gab es kein Wasser außer in einigen stinkenden Brunnen, die durch Tausende Leichen verpestet waren“, berichtete er.
