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Weltweit

Bouldern statt beten: Kirchen finden neue Rollen

wochentlich.deBy wochentlich.de10 Mai 2026Keine Kommentare7 Mins Read
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Bouldern statt beten: Kirchen finden neue Rollen
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In Deutschland gibt es etwa 44.000 bis 45.000 Kirchengebäude – je nachdem, welche Sakralräume dazugezählt werden. Viele dieser Gebäude prägen den Charakter von Dörfern, Stadtteilen und Landschaften. Doch angesichts schrumpfender Gemeinden und steigender Kosten stellt sich immer häufiger die Frage, wie sie erhalten werden können.

Auch die Pfarrkirche St. Andreas im Würzburger Stadtteil Sanderau steht vor einer solchen Transformation. Von außen wirkt es wie ein stummer Zeuge der Nachkriegsmoderne. Im Inneren soll der Kirchenraum jedoch eine neue Funktion übernehmen: Dort, wo jahrzehntelang Gottesdienste abgehalten wurden, wird künftig an Boulderwänden geklettert.

Die 1968 von Bischof Josef Stangl geweihte Kirche soll profaniert, also kirchenrechtlich entweiht werden. Das gaben das Bistum Würzburg und die Betreiber des Boulderzentrums „Rock Inn“ öffentlich bekannt (Quelle auf Deutsch) im April 2026. Kletterwände, ein Yogaraum, ein Café und ein Kinderbereich sind geplant. Die Eröffnung der Sportanlage ist für Sommer 2027 geplant. St. Andreas könnte dann Bayerns erste „Kletterkirche“ werden.

„Mehr schaffen wir einfach nicht“

St. Andrew war jahrzehntelang ein Ort für religiöse Feiern und ein Ort für Gemeinschaftsveranstaltungen. Doch die Belastungen wurden zu groß. Pater Tobias Fuchs, der St. Andreas gemeinsam mit der Nachbargemeinde St. Adalbero betreut, spricht von hohen Unterhaltskosten und Personalmangel. „Bei uns gab es zum Beispiel lange Zeit einen Mann, der ehrenamtlich als Hausmeister gearbeitet hat, der aber kürzlich aus Altersgründen aufhören musste“, sagt Fuchs. Am Ende, sagt er, sei allen klar gewesen: „Mehr schaffen wir einfach nicht.“

Im Februar 2026 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und ein Abriss ausgeschlossen. Für viele Gemeindemitglieder bedeutet dies zumindest, dass das markante Bauwerk auch bei einer neuen Nutzung erhalten bleibt.

Wenn Kirchen den „E“-Status erhalten

Der heilige Andreas ist kein Einzelfall. Das Bistum Würzburg hat seinen Immobilienbestand überprüft und intern knapp 80 Kirchen mit dem Code „E“ gekennzeichnet. Damit sind Kirchen gekennzeichnet, die langfristig einer neuen Nutzung zugeführt werden sollen. Finanzdirektor und Ordinariatsrat Gerald Düchs betont, dass für jede Kirche eine individuelle Lösung angestrebt und die Kirchengemeinden einbezogen werden. Der Schmerz für die Gemeinschaft soll so gering wie möglich gehalten werden.

Das Bistum hat bereits Erfahrungen mit der Umnutzung von Kirchen: In den 1970er Jahren wurden Kirchengebäude in Erbshausen zu Wohnungen, in Mespelbrunn zu einem Pfarrzentrum und in Hausen bei Aschaffenburg zu einem Künstleratelier umgebaut. In Würzburg selbst dient das historische Spitäle heute als Kunstgalerie und die Neubaukirche der Alten Universität als Festsaal.

Auch bundesweit wächst der Druck. Seit dem Jahr 2000 sei der liturgische Gottesdienst in 611 katholischen Kirchen vollständig eingestellt worden, teilte die Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz auf Anfrage mit. Nur 201 davon wurden aus kirchlichem Besitz verkauft. Viele weitere Gebäude blieben in kirchlicher Hand und werden heute anders genutzt – etwa für soziale Einrichtungen, Pflege, Wohnen oder Archive.

Was ist erlaubt – und was nicht

Die Kirche kann nicht willkürlich entscheiden, welche Folgenutzungen möglich sind. Das Bistum Würzburg benötigt ein Konzept, das mit christlichen Werten vereinbar ist. Markus Hauck vom Bischöflichen Ordinariat Würzburg erklärt auf Anfrage, dass eine kultische Nutzung durch nichtchristliche Religionsgemeinschaften ausgeschlossen sei – „aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle katholischer Gläubiger“.

Diese Linie folgt den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz. Bereits 2003 wurde festgelegt, dass ein Abriss immer nur der letzte Ausweg sein dürfe. Umnutzungen sollten möglichst rückgängig gemacht werden können, damit spätere Generationen die Räume theoretisch wieder für kirchliche Zwecke nutzen könnten. Gleichzeitig setzt die Würde des Ortes Grenzen: Liturgische Zeichen und Gegenstände dürfen nicht dekorativ in kommerzielle Konzepte übernommen werden.

Für die Andreaskirche in Würzburg plant Architekt Roland Breuning vom Büro Archicult deshalb einen zurückhaltenden Eingriff. Die Boulderwände sollen auf einer eingeschobenen Galerie stehen. „Insgesamt geht es darum, die vorhandenen Räume möglichst schonend zu behandeln und etwaige neue Strukturen rückbaufähig zu gestalten“, erklärte der Architekt in der Pressemitteilung vom April.

Von der Bewerbung bis zur Abschlussmesse

Bevor jemand mit dem Klettern beginnen kann, muss die Kirche offiziell profaniert, also entweiht werden. Bischof Franz Jung wird sich dazu im Priesterrat und im Generalbischöflichen Rat beraten lassen; Auch die Diözesankunstkommission wird eine Stellungnahme abgeben. Der Bischof kann dann die Profanierung anordnen.

Sie wird am Ende einer feierlichen Abschlussmesse von einem Mitglied des Domkapitels durchgeführt. „Diese Messe endet mit der Räumung des Kirchenraums und der Übergabe der Profanierungsurkunde“, erklärt Hauck. Bei Zustimmung aller Beteiligten könnte dieser Schritt noch im Sommer 2026 erfolgen.

Für die Kirchengemeinde ist dieser Abschied mehr als nur ein Verwaltungsakt. Die Deutsche Bischofskonferenz sieht hierfür einen eigenen liturgischen Ritus vor. Es soll Dankbarkeit ausdrücken und den Blick in die Zukunft richten.

Nachkriegskirchen unter besonderem Druck

St. Andrew gehört zu einer Gruppe von Gebäuden, die derzeit besonders gefährdet sind: Kirchen aus der Zeit zwischen 1950 und den frühen 1970er Jahren.

In einem Beitrag (Quelle auf Deutsch) Laut der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ interpretiert die Kunsthistorikerin Prof. Stefanie Lieb die Umnutzung von Kirchengebäuden als einen tiefgreifenden Strukturwandel. Naturschützer betrachten Kirchen als Teil des Stadtbildes und der gebauten Gemeinschaft. Theologen schauen mehr von innen, von ihrer liturgischen Funktion aus. Wenn eine Kirchengemeinde auszieht, verliert der Raum aus kirchlicher Sicht seinen Kern. Dieses Spannungsverhältnis liegt vielen Debatten über neue Nutzungen zugrunde.

Andere Beispiele zeigen, dass neue Nutzungen auf respektvolle Weise gelingen können. Die ehemalige Kirche St. Ursula in Hürth bei Köln, entworfen von Gottfried Böhm, wurde 2010 in eine Kunstgalerie umgewandelt. Die Aachener Erlöserkirche wurde 2016 als Kolumbarium umgebaut – ein Ort für Urnengräber, der noch immer eine ruhige, spirituelle Atmosphäre hat.

Eine gesamtgesellschaftliche Frage

Nicht jeder sieht kommerzielle Folgenutzungen positiv. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, sagte in einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst im Januar 2025: „Kirchen sind Gemeingüter.“ Viele Menschen fühlen sich diesen Gebäuden verbunden, auch wenn sie längst nicht mehr in die Kirche gehen. Kirchen sind Wahrzeichen – und ihre Zukunft ist daher nicht nur eine innerkirchliche Angelegenheit.

Auch die evangelische Kirche beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema. Beim 31. Evangelischen Kirchenbautag 2024 in Berlin stand die Zukunft des Kirchenbaus im Mittelpunkt. Klaus-Martin Bresgott vom Kulturbüro des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) empfahl, frühzeitig mehrere Partner einzubinden: Gemeinden, Kommunen, Denkmalämter und potenzielle neue Betreiber. Kirchengemeinden müssten lernen, Verantwortung zu teilen, sagte er.

Auch die Kunsthistorikerin Stefanie Lieb plädiert für eine breitere Perspektive. Die Umnutzung von Kirchen ist ein Strukturwandel, vergleichbar mit der Umgestaltung ehemaliger Industriestandorte im Ruhrgebiet. Was früher als Belastung galt, wird heute oft als kulturelles Erbe geschätzt. Der Erhalt kirchlicher Gebäude bedarf daher nicht nur kirchlicher, sondern auch gesellschaftlicher Unterstützung.

Unter der Pyramide klettern

Andreas Schmitt, Co-Geschäftsführer von Rock Inn und selbst Architekt, sieht die neue Nutzung als passend zum Charakter des Ortes. „Eine Kirche ist ein Ort, der eine Gemeinschaft zusammenbringt. Wir verstehen uns auch als eine Institution, die Menschen zusammenbringt. Insofern passt diese neue Nutzung sehr gut.“ Das „Inn“ im Firmennamen steht für Gastfreundschaft.

Pater Fuchs nennt es einen Glücksfall: „Wir sind dankbar, dass so schnell eine gute Lösung für den Erhalt der Kirche und des Pfarrzentrums gefunden wurde.“ Das Presbyterium bleibt in den Händen der Kirchengemeinde, ein Seelsorger vor Ort soll die künftige Kinder- und Jugendarbeit koordinieren. Die Gemeinde verliert also nicht alles – sie gibt einen Raum weiter.

Weniger Kirchenmitglieder

Der Fall St. Andrew muss auch vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen gesehen werden. Ende 2025 gehörten noch 43,8 % der Bevölkerung der katholischen oder evangelischen Kirche an. Nach vorläufigen Zahlen (Quelle auf Deutsch) Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz zählte die Katholische Kirche 19.219.601 Mitglieder, die Evangelische Kirche hingegen 19.219.601 Mitglieder (Quelle auf Deutsch) hatte rund 17,4 Millionen. Die Austrittszahlen bleiben hoch: Im Jahr 2025 verließen rund 307.000 Menschen die katholische Kirche, rund 350.000 verließen die evangelische Kirche.

Für viele Gemeinden hat dies konkrete Konsequenzen. Weniger Mitglieder bedeuten weniger Einkommen, weniger Personal und weniger Handlungsspielraum bei der Instandhaltung großer Gebäude. Was mit diesen Gebäuden passiert, zeigt auch, welche Orte eine Gesellschaft erhalten möchte, um das Gemeinschaftsgefühl auch auf andere Weise aufrechtzuerhalten.

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