Auf der Wiesn feiern viele, am Rand der Theresienwiese klagen einige Anwohner über die negativen Auswirkungen des Oktoberfests auf ihr Zuhause. Zu Recht?

Das Oktoberfest läuft seit über einer Woche auf Hochtouren. 3,8 Millionen Besucher waren schon da, weitere Millionen werden erwartet. Doch nicht alle sind begeistert: Nahezu jeder Anwohner, mit dem die Münchner t-online-Redaktion vor Ort spricht, klagt über die Vermüllung und Verunreinigungen, die die Menschenmassen im Umfeld der Theresienwiese hinterlassen.

In diesem Jahr berichten die Reporter der Münchner Lokalredaktion von t-online über die Wiesn, Verstärkung bekommen sie von einem Kollegen aus dem Rheinland. In dieser Kolumne diskutieren Philip Buchen aus Köln und Carla Gospodarek aus München über die aktuellen Geschehnisse auf dem Oktoberfest.

In der heutigen Ausgabe geht es um die Frage: Ist der Ärger der Anwohner rund um die Theresienwiese über die Auswirkungen des Oktoberfests gerechtfertigt?

Carla Gospodarek aus München und Philp Buchen aus Köln: Beim Thema Anwohner sind sich die beiden t-online-Kollegen nicht einig. (Quelle: Stefanie Haas)
Pro

Carla GospodarekRedakteurin Region Süd / Redakteurin vom Dienst


Bis zur Haustür und keinen Schritt weiter

Eine Stadt darf feiern. Sie darf dabei jedoch nicht vergessen, dass Menschen in ihr wohnen. Doch das passiert rund um die Wiesn leider dauerhaft. Der Frust der Anwohner an der Schwanthalerhöhe richtet sich dabei gegen nicht ein paar leere Bierflaschen am Wegrand oder um eine Pappschale im Gebüsch. Das lässt sich bei einem Fest dieser Größe kaum vermeiden.

Es geht darum, dass Menschen morgens über Hinterlassenschaften hinwegsteigen müssen, weil Hauseingänge als Toilette benutzt werden. Eltern sorgen sich um die Sicherheit der Kinder, wenn diese zur Wiesn-Zeit allein von der Schule nach Hause laufen. Hundebesitzer müssen andere Gassi-Routen nehmen, damit sich die Vierbeiner nicht die Pfoten an den vielen Scherben aufschlitzen. Die Anwohner müssen ihre Briefkästen abbauen, Metallgitter aufstellen und Türen sichern, damit sich auf ihrem Grundstück niemand zum Schlafen oder für intime Zusammenkünfte niederlässt.

Da muss man ehrlich sagen, hier hört der Spaß auf. Feiern darf jeder, aber seinen Anstand sollte er dabei nicht unter der Bierbank vergessen. Die Freiheit, sich auf der Wiesn komplett gehen zu lassen, endet dort, wo das Unwohlsein anderer Menschen im eigenen Zuhause beginnt.

Kontra

Philip BuchenHead Regio West


Granteln auf hohem Niveau

Die Wiesn findet in diesem Jahr zum 191. Mal statt. Dass es auf der Theresienwiese zwei Wochen lang wilder zugeht als im restlichen Jahr, ist seit Jahrzehnten bekannt. Der Ärger mancher Anwohner ist verständlich – als Argument gegen das Oktoberfest taugt er jedoch nicht.
Natürlich ist es für viele Anwohner keine Option, ihre Wohnung aufzugeben, nur weil sie die Begleiterscheinungen der Wiesn stören. Auf dem überhitzten Münchner Wohnungsmarkt ist es ohnehin schwierig, etwas zu finden – erst recht in einer vergleichbaren Lage. Dennoch sollte man sich bewusst sein, dass das Leben in unmittelbarer Nähe der Theresienwiese immer auch mit diesem Großereignis verbunden ist.

Hinzu kommt: Die Situation in diesem Jahr ist besser, als der Frust vermuten lässt. Die erste Halbzeit der „weltweit größten offenen Drogenszene“, wie der heutige Oberbürgermeister das Oktoberfest einst nannte, ist sicher und geordnet verlaufen. Sicherlich hat mancher Wiesn-Besucher die letzte Maß des Abends nicht ganz fachgerecht in einer Einfahrt entsorgt. Verglichen mit der Verwüstung des öffentlichen Raums, die etwa nach dem Kölner Karneval oder dem CSD in Berlin noch Tage nach dem eigentlichen Event sichtbar sind, erinnert das Umfeld der Theresienwiese aber an einen blitzblanken Teller.

Und auch die Oktoberfest-scheuen Münchner profitieren vom Milliardengeschäft Wiesn: Jedes Jahr fließen durch das Volksfest mehrere Millionen Euro Steuereinnahmen in den Stadthaushalt und finanzieren Straßen, Kitas und vieles mehr. Da kann man die zwei Wochen als Wiesn-Anwohner schon mal aushalten. Oder in den Urlaub fahren.

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