Die Antwort dürfte auch Merz interessieren.

Heute herrschen Verwunderung und Spott, wie sich unsere Vorfahren bloß für Hitler begeistern konnten. Deshalb verstehen wir auch nicht, wieso heute Leute wie Siegmund so gut ankommen. Wir sollten nicht die Macht der Persönlichkeit unterschätzen: Hitler und die NSDAP wurden zu Projektionsfläche für Hoffnungen, Sehnsüchte und auch Rache- und Vergeltungswünsche zahlreicher Menschen. Sowohl Hitler als auch Siegmund verstehen anders als Politiker der Mitte damals und heute, dass es in Zeiten wie diesen nicht nur auf good governance ankommt. Sie inszenieren sich als Kunstfiguren, die einer verunsicherten, sorgenvollen Bevölkerung ein neues Zuhause anbietet.

Sie sagen es: Es ist eine Inszenierung.

Genau. Mit oft einfachen, aber einprägsamen Einzeilern erklären sie die Misere der Welt, benennen Schuldige und weisen einen Weg aus der Krise. Anstatt kleinteilig diesen Weg nun zu erklären, inszenieren sie sich als tugendhafte Männer, denen man vertrauen kann. Als Männer mit Bodenhaftung, mit denen man sich vorstellen kann, einen Eintopf zusammen zu essen, aber gleichermaßen, denen man zutraut, dass sie die Welt reparieren können.

Die Wähler der NSDAP vertrauten also dem Demagogen Hitler mehr?

Zahlreiche Menschen taten das. Auch und gerade in Abgrenzung zu den politischen Eliten. Benito Mussolini, Italiens Diktator und späterer Verbündeter Hitlers, hat recht früh einmal gesagt, dass es gar keine neuen Regierungsprogramme, gar keine Maßnahmenprogramme brauche. Was nötig sei, wären starke Männer, tugendhafte Männer, die entscheidungsfreudig sind. An dieser Stelle wird auch der Todesfall Geli Rauball 1931 wieder interessant. Ihr Tod – unter diesen Umständen und zu diesem Zeitpunkt – war für Hitler ein ernstes Problem. Ein Problem, das vertuscht werden musste, da er den Kern der Selbstinszenierung Hitlers, die für den politischen Durchbruch zur größten Kraft des Landes nötig war, infrage stellte. Hitler hatte die Gefahr schnell erkannt.

Die Macht war ihm 1931 durchaus näher gerückt.

Hitler war das, was wir heute einen Informationskrieger nennen würden, er war ein Meister der Propaganda, heute würden wir sagen, des Marketings. Hitler hat immer selbst reflektiert, sich gefragt, wie er am besten zu den Leuten durchdringen konnte. Er hat den Nationalsozialismus auch aus einem bestimmten Grund als eine Art politische Religion aufgezogen: Durch eine solche Inszenierung, so meinte er, kriegt man junge Leute weit besser dazu, sich dem Nationalsozialismus zu verschreiben, als wenn man mehrseitige Aktionspapiere zur Lösung anstehender Probleme verfasst. Dabei dürfen wir auch eine Eigenschaft Hitlers nicht ignorieren.

Share.
Leave A Reply

Exit mobile version