Dordrecht, Stadt der sittenstrengen Spaßbremsen

Harry Wouters kam vor 50 Jahren für seinen Job bei der Polizei nach Dordrecht. „Es war ein Kulturschock“, erinnert er sich. Wouters stammt aus der südlichen Provinz Brabant, die burgundisch-katholisch geprägt ist und im Ruf steht, von Lebensgenießern bevölkert zu sein. Dordrecht dagegen liegt mitten im niederländischen Bibelgürtel, hier regierte jahrhundertelang calvinistische Askese.

Leser des auch in Deutschland populären niederländischen Romanschriftstellers Maarten „t Hart, der ganz in der Nähe aufgewachsen ist, kennen diese Welt der sittenstrengen Spaßbremsen. „Es gab hier nichts“, erzählt Wouters. „Keine Cafés und so gut wie keine Restaurants. Das war hart für mich. Aber zum Glück: Im Laufe der Jahrzehnte habe ich miterlebt, wie sich Dordrecht immer weiter geöffnet und verändert hat.“ Gekommen sei das durch die vielen Zuzügler, die mit calvinistischer Engstirnigkeit nichts im Sinn hatten.

  • Erfahrungen: Das geht im Hotel gar nicht

Heute kann man in Dordrecht durchaus gut essen, auch wenn die Zahl der Restaurants immer noch vergleichsweise überschaubar ist. Sein volles Potenzial hat Dordrecht noch lange nicht entfaltet, doch gerade das hat auch seine Vorteile: Von Overtourism ist hier noch nichts zu spüren, die Dordrechter freuen sich noch über Touristen.

Die größte Attraktion der Stadt ist das 1842 gegründete Dordrechts Museum mit vielen Gemälden aus der Zeit von Rembrandt und Vermeer. Woanders würden sich davor die Besucher drängen, hier ist man an Werktagen allein mit den Meisterwerken.

Zeitreise ins „Goldene Zeitalter“

Das Holland des „Goldenen Zeitalters“, des 17. Jahrhunderts, ist hier zum Greifen nah: das stille Land mit dem allgegenwärtigen Wasser, überragt von den immer ruhelosen Wolkengebirgen. Die hoch getürmten Segelschiffe, die in der Dünung wiegen. Die blank geputzten Kachelböden im Schachbrettmuster: Es gibt eine Welt zu entdecken, und diese wirkt – zumindest auf den Bildern – stiller und schöner als unsere.

Dordrecht hat auch selbst einen großen Maler hervorgebracht, Aelbert Cuyp (1620 – 1691). Er stellte die holländischen Kühe, Lieferanten des Rohstoffs Milch für den Käse, schön wie Rennpferde dar und tauchte sie in ein überirdisches Licht.

„Junger Hirte mit Kühen“ von Aelbert Cuyp (1655). (Quelle: IMAGO)

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